AfD Baden-Baden / Rastatt

 

Roman Bauer ist im ländlichen Raum Mittelbadens,
in der Landschaft Ortenau geboren und aufge-
wachsen. Nach dem Besuch des humanistischen
Gymnasiums in Rastatt und dem Ableisten der
Wehrpflicht, studierte er vier Jahre Philosophie
und katholische Theologie, anschließend Natur-
wissenschaften (Biologie, Chemie, Physik). Er
forschte und lehrte er an den Universitäten von
Buffalo (USA), Ulm und Marburg als Assistent,
später als Professor für Neurobiologie und
Dozent für Neurophysik. Bis  2013 war er
Lehrbeauftragter am Humboldt-Studien-
Zentrum für Philosophie der Universität Ulm.

 

 

LiberalSozial – Konservativ

Das konservative Ethos - eine Alternative zur blinden Fortschrittsautomatik
Politisch-philosophische Überlegungen in 5 Kapitel

Von Roman Bauer – Bühl/Baden

 

Der Liberalismus – unsere politische Großwetterlage

 

Die AfD ist angetreten als politische Alternative zum System der etablierten Altparteien. Diesem Anspruch kann sie aber letztlich nur gerecht werden, wenn sie die gängigen politischen Begriffe und Schlagworte inhaltlich autonom selbst bestimmt und für ihren Gebrauch passend definiert. Denn falls sie die Bedeutung und den Sprachgebrauch der politischen Vokabeln einfach unkritisch von außen übernimmt und sich diese vom politischen Gegner oder von den Medien aufdrücken läßt, ist sie schon deren Gefangene. Sie ist dann geistig nicht mehr souverän und frei, sie teilt die Bewertungen des etablierten Parteiensystems, sie ist ihm ausgeliefert und verliert sich in fruchtloser Apologetik. Außerdem kann eine kritische Klärung und Reflexion der zentralen politischen Begriffe viel verbalen Leerlauf, semantischen Streit und unnötigen Verschleiß psychischer Energie ersparen. Und gerade auch davon kann langfristig für die AfD die Frage nach Sein oder Nichtsein abhängen.

 

Politische Schlagworte, Kampfbegriffe und Farbenlehre


Welche Schlagworte und Zuordnungen aber sind beim politischen Tagesgespräch im Umlauf? Es lassen sich je nach inhaltlicher Leere oder Gewicht der verwendeten Begriffe drei Typen unterscheiden. Ganz einfach und grob ist das rechts-links Schema. Es verdankt sich ursprünglich einer räumlichen Sitzverteilung in Parlamenten, es ist deshalb per se politisch inhaltsleer und vor allem relativ. Albert Einstein würde über jeden den Kopf schütteln, der versuchte, linke oder rechte Positionen absolut zu verorten, denn in solcher Sitzordnung hat praktisch jeder politische Platz einen rechten und einen linken Nachbar und deshalb kann jeder Standpunkt in Abhängigkeit vom Bezugspunkt gleichzeitig sowohl als links wie auch als rechts beurteilt werden, und jeder, der dieses Begriffspaar verwendet, definiert dabei automatisch auch sich selbst. Außerdem besteht jede solche Sitzverteilung bezogen auf die numerische Mitte immer aus zwei Hälften zu je 50 Prozent. Aber die Mitte ist inhaltlich ja selbst inzwischen eine Wanderdüne, und deshalb sollte man politische Begriffe nicht über räumliche Sitzverteilungen definieren, sondern eher durch inhaltliche Positionen, Ziele und  Absichten. Das Begriffspaar rechts-links ist gerade in Deutschland belastet, es hat nur geringe Aussagekraft, es dient hauptsächlich als grobes Schlagwort und Kampfmittel in der politischen Arena, und man sollte es deshalb entweder meiden oder nur mit diesem Vorbehalt entspannt und gelassen verwenden. Schon allein das Wissen um diese Umstände könnte manche aufgeheizte Diskussion versachlichen und persönliche Verletzungen vermeiden.

Das zweite Schema entstammt der politischen Farbenlehre: rot – grün – gelb – schwarz - blau etc. Doch auch dies sind willkürliche sekundäre Attribute für verschiedene politische Gruppierungen. Sie treffen als solche ebenfalls keine inhaltlichen Aussagen und sind als plakative Sammelbegriffe nur von mäßigem Wert in der öffentlichen Diskussion.

Das dritte Schema schließlich besteht aus den genuin politischen Begriffen liberal, sozial/sozialistisch und konservativ. Die beiden ersten repräsentieren weitgehend die Ideale der Aufklärung, der französischen Revolution und der zurückliegenden Klassenkämpfe. Sie verdichten sich zu den bekannten Schlagworten der modernen Demokratie: Freiheit, Gleichheit/Gerechtigkeit und Solidarität.  Die drei Begriffe – liberal, sozial und konservativ – sind also allein inhaltlich prädikativ, denn sie enthalten politische Programme und Zielperspektiven für Staat und Gesellschaft. Sie markieren als Eckpunkte das politische Positionsdreieck, und praktisch jeder politische Standpunkt kann durch seine relative Nähe zu diesen drei Punkten definiert werden. An diesen Begriffen wollen wir hier ansetzen, und die AfD sollte sie für ihre Zwecke eigenständig durchbuchstabieren. Vor allem aber sollte sie den Terminus konservativ auf der Basis eines realistischen Menschenbildes inhaltlich neu bewerten, um so ihre Kompetenz und Deutungshoheit in der öffentlichen Diskussion zu behaupten. Diesem Ziel und Zweck, die begrifflich-inhaltliche Profilierung anzuregen, die Diskussion zu bereichern und sich selbstsicher im politischen Feld zu verorten, dient hoffentlich der vorliegende Text.

Wir leben politisch im Paradigma des Liberalismus. Das heißt, dass dieser die politische Großwetterlage prägt seit er die sozialistischen und faschistischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts abgelöst hat. In den hoch- und überentwickelten Gesellschaften des Westens beherrscht er mit zwei Spielarten monopalartig die politische Landschaft: gesellschaftlich als sozial-emanzipatorischer, und ökonomisch als marktwirtschaftlicher oder kapitalistischer Liberalismus, und mit diesen Spielarten ist er zu einer Leitidee des öffentlichen Lebens geworden. Doch trotz dieser seiner hohen Akzeptanz ist das politische Gleichgewicht nicht so stabil wie man es demnach erwarten sollte, denn die dritte Komponente, das Konservative, genießt leider keine gleichwertige Reputation. Es muß sich andauernd rechtfertigen und steht vergleichsweise niedriger im Kurs, obwohl der Globalismus, die Eurokrise, die nicht mehr kontrollierte Masseneinwanderung und hohe technische Innovationsraten für Unbehagen und Verunsicherung bei großen Teilen des Wahlvolkes an der Basis sorgen. Denn erst das liberale, das soziale und das konservative Moment zusammen mit ihrer richtigen Gewichtung gewährleisten die politische Stabilität von Staat und Gesellschaft.

Das Christliche ist an sich eine rein religiöse Kategorie, sein Kern ist eine nur dem Glauben zugängliche Erlösungslehre. Es ist also kein typisch politischer Begriff und daher eigentlich wenig hilfreich. Als Name einer politischen Partei steht es eher für unsere kulturelle Geschichte und Traditionslinie. In dieser aber ist das Christliche nur eine Komponente neben zwei weiteren Säulen, nämlich der grichisch-römischen Philosophie und Ethik und der autonomen Vernunft als Aufklärung in der Neuzeit. Praktisch und faktisch steht es daher eher für ein diffuses Gemisch aus allen drei politischen Komponenten, mal christlich-liberal, mal christlich–sozial, mal christlich–konservativ. Es paßt sich deshalb bei der Setzung seiner politischen Akzente meistens der politischen Wetterlage an, und besitzt gerade dank – oder trotz – dieser Charakterschwäche paradoxerweise eine vordergründige Integrationswirkung.

Warum aber tut sich das Konservative schwer, sich mit seinen Konkurrenten auf Augenhöhe zu messen, worin gründet sein faktischer Wettbewerbsnachteil? Neben der hektischen Oberflächlichkeit des modernen öffentlichen Unterhaltungsbetriebs scheinen mindestens zwei Gründe dafür verantwortlich zu sein. Einmal ist das, was landläufig als konservativ gilt, selbst diffus und inhaltlich wenig geklärt. Es ist keine klare politische Idee, und jeder verteidigt etwas anderes als erhaltenswert, vom Mischwald über den Dialekt bis zur Familie, vom Bargeld und Sparbuch bis zum Notensystem im Schulzeugnis, und ein Konsens darüber ist schwer zu erreichen. Diesbezüglich haben es seine Rivalen einfach leichter. Liberal ist an sich negativ definiert, und darin besteht sein zweifelhafter Vorteil. Es bedeutet nämlich im Zweifelsfall immer die möglichst weitgehende Vermeidung von Grenzen, Zwängen und Beschränkungen. Wer sich liberal nennt, muß sich nicht sofort rechtfertigen, er macht nichts falsch, weil er sich nicht genau festlegt, denn liberal sein heißt zunächst frei sein von, aber noch nicht frei sein zu etwas, und dies fällt jedem von uns spontan leichter. Und die soziale Gesinnung hat es sogar noch leichter, denn sie verleiht ein gutes moralische Gefühl, oft zum Nulltarif, und Gerechtigkeitslücken finden sich immer, sie lassen sich nie endgültig schließen.

Ein zweiter Umstand ist damit schon vorgezeichnet. Das Konservative steht als Störfaktor beim großen fortschrittlichen Emanzipationsmarathon im Wege, es wird deshalb von interessierter Seite gezielt abgewertet und verleumdet. Vieles, was das schöne Bild einer frisch-frei-frohen Gesellschaft stören könnte, wird von einflußreichen Meinungsmachern mit allerlei Negativem in einen Topf geworfen und als konservativ gebrandmarkt. Beispiele für abwertende Willkür finden sich genug: Konservativ steht für alte Strukturen und Machtapparate, konservativ katholisch sind z. B. die Piusbrüder, und der terroristische Islamismus ist es ebenso wie das mehrgliedrige Schulsystem. Selbst erzliberale Positionen in der Wirtschaftspolitik gelten als konservativ, so auch die US-amerikanische Partei der Republikaner. Und schließlich gilt konservativ sogar als rechts, und damit hat man schon das erste Glied einer Assoziationskette geschmiedet, die gerade in Deutschland inkriminierende Wirkung zeigt. Denn weil das Drohen mit der Nazikeule und ihr inflationärer Gebrauch in diesem Land auch heute noch ein hohes Abschreckungspotential besitzt und mühsames Argumentieren erspart, bleiben auch ängstliche bürgerliche Gemüter vorsichtig auf Distanz zu dem schwierigeren Begriff konservativ. Doch dies alles ist intuitiv unbefriedigend und inakzeptabel, und deshalb brauchen wir eine inhaltlich präzisere und zielgenauere Deutung, die diagnostisch zeitgemäß ist und das Konservative wieder mindestens auf Augenhöhe mit seiner politischen Konkurrenz bringt.

 

Wissenschaft und Technik schaffen ganz neue Rahmenbedingungen

 

Aber nicht nur auf dem typisch politischen Feld haben wir die Umbrüche von autoritären Regimen zur liberalen Demokratie zu bewältigen. Auch anderswo hat sich viel verändert. Die von ihren Fesseln befreite Wissenschaft und Technik haben uns nicht nur viel Mühsal und Krankheit erspart, sie haben auch unser Welt- und Menschenbild, unsere Philosophie und sogar unsere religiöse Metaphysik verunsichert und erschüttert. Die Lehre von der kosmisch-biologischen Evolution hat inzwischen ihren Status als eine vage Theorie weit hinter sich gelassen. Sie beschreibt gut gesicherte Tatsachen, und damit ist sie kaum noch angefochten zu unserer wirklichen Schöpfungsgeschichte avanciert. Als eine Lehre mit universellem Geltungsanspruch bietet sie eine Erklärung für die Entstehung unseres Astrokosmos ebenso wie für unsere biologische und psychische Verfassung bis hin zum kulturellen Überbau unserer Humangeschichte. Die Gesetze ihrer kausalen Dynamik und die unvorstellbaren Dimensionen von Raum und Zeit erzwingen ein neues Selbstverständnis von uns, ein neues Welt- und Menschenbild, das die entsprechenden Vorläufer und Vorstellungen unserer kulturellen Tradition nicht nur korrigiert, sondern punktuell auch überholt und entwertet.

Diesem Wandel und Umbruch in unserem theoretischen Welt- und Menschenbild müßte eigentlich und konsequent auch eine entsprechende Anpassung unserer praktischen Handlungsmuster folgen, eine Änderung unserer Ethik und politischen Moral ebenso wie eine gesteigerte Ernsthaftigkeit und Sensibilität bei unseren manipulierenden Eingriffen in die Strukturen unserer Natur und Kultur. Die Rahmenbedingungen und Herausforderungen für politisches Handeln haben sich inzwischen grundlegend verändert. Schließlich nähert sich die menschliche Besiedlungsdichte der Erde bereits der Grenze von acht bis zehn Milliarden, eine Verdreifachung innerhalb weniger Jahrzehnte! Und diese vielen Menschen wollen nicht von Sojabrei und Wasser leben, sie wollen den Wohlstand der Europäer und Amerikaner. Leider aber sind eindeutige Anzeichen einer entsprechenden mentalen Wende weder bei der großen Politik, noch im privaten Lebensstil von Mehrheiten in den hoch- und überentwickelten Ländern zu erkennen. Ein konsumorientierter Imperativ, gepaart mit viel emanzipatorischem Individualismus, füllen als neue Ersatzreligion das Vakuum auf, das der Verfall vieler staatlicher und religiöser Sinnstrukturen hinterläßt.

Vor diesem Hintergrund besteht dringender Bedarf an rational kontrollierter Gestaltung unserer humanen Lebenswelt für eine langfristige Sicherung unserer Zukunft. Eine Beeinflussung oder gar Steuerung der kosmisch-galaktischen Entwicklung liegt zwar völlig außerhalb unserer wissenschaftlich-technischen Kompetenz. Aber für die humane Zukunft auf unserer kleinen Erde sind wir als wirkursächliche Täter voll mitverantwortlich, denn wir können die Lebensqualität unserer Welt gut konservativ erhalten, pflegen und verbessern, wir können sie inzwischen aber auch mindern und sogar vernichten. Zur humanen Gestaltung unserer Zukunft und zur Lösung der neuen Problemdimensionen sind aber die alten Ideale und Ideologien des klassischen Liberalismus und des Sozialismus, aber auch viele tradierte religiöse Vorstellungen allein kaum noch in der Lage. Ihre gestaltenden Ideen sind entweder perspektivisch verengt, oder sie entstammen vergangenen historischen Zeiten und sind deshalb ideell veraltet. Wer aber die Gegenwart und die Zukunft mitgestalten will, der braucht ein aktualisiertes realistisches Menschenbild. Er muß ahnen, in welchen sozio-kulturellen Umwelten wir uns heute und morgen bewegen, wo unsere Chancen liegen und wo die Gefahren lauern, er muß die veränderten Risiken abschätzen und neu bewerten.

 

Unsere natürliche menschliche Verfassung – unsere Conditio humana

 

Politik verwirklicht sich immer im Handeln und Gestalten. Diskussionen, Argumente, Fragen und Ideen jedoch sind deren vorgelagerte geistige Übungen und Begründungen. Sie sind unbedingt notwendig für gute Entscheidungen. Dabei lauten die wichtigsten Fragen dann: Was wollen, was können, was dürfen, was sollen wir tun? Und dies alles hängt nochmals an einer anderen entscheidenden Kardinalfrage: Sind wir dabei überhaupt frei oder sind wir festgelegt und gebunden? Leben wir  schrankenlos frei und willkürlich, oder gelten für uns Grenzen und Gesetze, die wir nicht selbst machen? Kurz und bündig mündet dies alles immer in die Letztfrage: Was ist der Mensch? Um darauf aber wenigstens näherungsweise antworten zu können, benötigen wir eine kurze Aufzählung wichtiger Daten und Fakten, die die Grundstrukturen und Rahmenbedingung unserer natürlichen Verfassung bilden. Dazu gehören gleichwertig unsere Natur und Kultur, also unser physisch-biologischer Unterbau und auch unser kulturell-ziviler Überbau. Im Umgang mit diesen unseren humanen Voraussetzungen, in ihrer Bewertung und im Ausmaß ihrer respektvollen Akzeptanz als unsere humane Wahrheit, in ihrer gezielten Beachtung oder gleichgültigen Ignoranz, unterscheiden sich auch die politischen Akteure und Parteien. Doch damit entscheiden sie auch darüber, ob ihre Politik gelingt oder versagt. Deshalb vergewissern wir uns hier zunächst der wichtigsten Eckdaten unserer Humangeschichte als ein Stück geraffte Anthropologie.

 

Unser natürlicher Unterbau – Physik, Biologie, Psychologie, Soziologie

 

 

Merke: Vor jeder politisch-juristischen Verfassung und unabhängig von dieser besitzen wir eine natürliche Verfassung!

Solches ist leider nicht mehr selbstverständlich. – Wir kommen nicht als Tabula rasa, als unbeschriebenes Blatt auf die Welt, und auch unsere Umwelt ist nicht unstrukturiert und gesetzlos. Unsere natürliche Verfassung ist evolutiv, d. h. wir tragen an uns die Spuren und das Erbe einer langen erdgeschichtlichen Entwicklung. Wir sind das Ergebnis einer Folge von Entwicklungsschüben, die uns zu einem integrierten Ganzen aus unterschiedlichen Funktionsstufen gemacht haben. Durch solche Mehrstufigkeit sind wir geradezu eine Ansammlung klassischer akademischer Themen und Disziplinen: der Physik, der Biologie, der Psychologie und der Soziologie. Und weil jede von diesen einen eigenen Bereich von Gesetzen und Regeln darstellt, sind wir selbst ein hoch komplexes Ordnungsgefüge, ein mehrdimensionales Geschöpf der evolutiven Entwicklungsdynamik.            


Wir existieren zuerst einmal und unentrinnbar im Geltungsbereich der Physik mit ihren zentralen Erhaltungssätzen, dem ersten und zweiten Hauptsatz, die die Richtung der Energieflüsse und die unaufhaltsame Abfallproduktion bestimmen. Für uns gelten recht eng gezogene Optimalbereiche und Rahmenbedingungen bei der Nutzung von Energie, von Licht, Wasser, Luft und Wärme. Diese sind nicht beliebig verfügbar, aber auch nicht verzichtbar, und sofern sie überhaupt regenerierbar sind, erneuern sie sich nur aus riesigen Vorräten und durch intakte Kreisläufe. Es gibt nur wertvollere und wertlosere, aber keine sich selbst regenerierende, d. h. sich selbst erschaffende und erneuernde Energie. Deshalb gibt es auch kein Perpetuum mobile, und alles hat seine Kosten. Es gibt nichts zum Nulltarif – nirgendwo!

 

Die Biologie eröffnet demgegenüber einen neuen eigenartigen Bereich von Gesetzen, Regeln und Strukturen, ohne die Basisgesetze der Physik und Chemie außer Kraft zu setzen. Wir sind als Organismen ein Wesen von räumlich und zeitlich begrenzter Identität, d. h. wir sind sterblich. Unsere Erhaltung, Veränderung und Verbesserung als Art erfolgt über genetische Regeln. Tod und Neugeburt sind die Mittel und Wege der evolutiven Fortschrittstrategie zu höheren Formen, Freiheiten und Chancen. Dabei zählt vor allem noch die Gruppe, das Kollektiv und die Art, aber noch nicht das Individuum als Person und Subjekt im modernen Verständnis. Zur Gewährleistung dieser Kontinuität hat die Schöpfungsstrategie den Sexualdimorphismus, das ist die Zweigeschlechtlichkeit, entwickelt. Erhaltung und Fortpflanzung sind an die Kooperation zweier Rollenträger, eines männlichen und weiblichen Funktionstyps gekoppelt. – Es gibt zu diesen Strategien und Problemlösungen auf den höheren Stufen der Evolution keine ebenbürtigen Alternativen.

 

Auf der Basis der vegetativen Biologie entwickelt sich nun eine qualitativ ganz neue Eigenschaft. Es ist dies der schnelle Umgang mit Umweltinformation in Gehirnen aus neuronalen Netzen, und als deren Leistung und Systemeigenschaft das Psychische und Seelische, unsere Innenwelt des Empfindens und Wahrnehmens, des Bewußtseins von Ich und Freiheit, also das, was wir unseren Geist nennen. Damit betritt das typisch Humane die Bühne der Schöpfung, und damit fordert wieder ein neuer Bereich von Strukturen, Gesetzen und Leistungen seine Geltung und Beachtung. Die schnelle Aufnahme und Verarbeitung von Information aus der Umwelt ermöglicht die Bildung von Gedächtnis sowie lebenlanges Lernen, und gerade dies erweitert die Freiheitsgrade von uns Menschen. Alle Anpassungen an unsere Um- und Mitwelt, alles Sammeln von Erfahrung, alle Formen von Freiheitsgewinn und Erweiterung von Spielräumen, realisieren sich letztlich immer über Lernmechanismen in neuronalen Systemen. Und für solche Systeme heißt dies immer ohne Ausnahme: Lernen am Erfolg oder Mißerfolg, funktionale Veränderung der Kontakte unserer neuronalen Netzwerke im Gehirn durch positives oder negatives feedback, durch Belohnung oder Bestrafung. Die Beachtung, Entwicklung und Pflege, die Leistung und Effizienz dieser Mechanismen sind für unseren Erfolg im Leben entscheidend, sie können nicht umgangen werden, auch sie sind alternativlos.

 

Die Anwendung des Verursacher- und Haftungsprinzips ist nichts anderes als die konsequente Befolgung solcher Lernregeln. Wo immer Manager und Vorstände nicht mehr für die Folgen ihres Tuns haften, vielmehr unabhängig von ihrem Erfolg oder Mißerfolg hohe Prämien beziehen, dort wird das Verursacherprinzip grob verletzt. Dieses und außerdem das Gerechtigkeitsgebot wird ebenfalls verletzt, wenn z. B. ein Schüler gute Noten erhält, obwohl er nur mittelmäßige Leistungen erbrachte oder gar faul war. Und wenn sich die illegale Einreise eines Asylbewerbers trotz Ablehnung unter dem Strich lohnt, weil er entweder geduldet oder kostenlos zurückgeführt wird, so ist selbst dies noch nach den elementaren Lernregeln eine Belohnung von falschem Verhalten und zieht so als Lernen durch Erfolg weitere  Nachahmer nach. In der Kybernetik und Regeltechnik gelten solche Fälle als ein open-loop-System, d. h. als ungeregelt und kontrolllos. Bei Maschinen und technischen Systemen endet solches meistens in Katastrophen, in Gesellschaft und Staat sind solche Praktiken meistens die Begleiterscheinungen und Ursachen von Korruption, Mißständen und Dekadenz. Mit unseren erweiterten Freiheiten wachsen nämlich immer auch die Risiken und Gefahren, denn Freiheit und Risiko sind unablösbar aneinander gekoppelt. Unsere größeren Spielräume schenken uns aber keine absolute Freiheit, denn die gibt es nicht. Sie lockern und erweitern nur das Korsett der naturgegebenen Schranken und Rahmenbedingungen.

 

Pflicht – eine typisch menschliche Kategorie

Mit solchen Errungenschaften sind wir noch bei einem weiteren Stichwort für eine typisch humane Eigenschaft angelangt, dem der Pflichten. Dieser Begriff scheint jedoch eher mit Erziehung und Moral assoziiert zu werden, mit Natur und Biologie hat er scheinbar kaum etwas zu tun. Oder vielleicht doch, denn was meint eigentlich dieses Wort Pflicht? Wir Menschen besitzen die lebenswichtigen Funktionen der Selbsterhaltung, der Selbstvorsorge, der Fortpflanzung und der Ernährung nicht mehr wie die Tiere als starre triebhafte Instinkte. Wir haben – wie bereits erwähnt – bei solchen Verrichtungen schon größere Freiheitsgrade. Wir können diese Dinge gestalten, sie auf- oder abschieben an andere, sie durch Stellvertreter oder durch die Gemeinschaft erledigen lassen. Doch unsere erweiterten Spielräume befreien uns nicht endgültig davon, diese Aufgaben so oder so als Einzel- oder Gemeinschaftsleistung, zu erfüllen, es sei denn, wir beschließen den kollektiven Suizid.


Wir stehen mit unserer Selbsterhaltung deshalb nicht mehr unter dem Zwang des Müssens, sondern unter dem Gebot des Sollens, und diese neue Freiheit und Differenz zwischen müssen und sollen erfahren wir jetzt als unsere Pflicht. Sie ist deshalb eine typisch humane Kategorie, die in unserer hoch entwickelten Naturverfassung gründet. Schon Immanuel Kant hat mit seiner Geistesschärfe die zentrale Bedeutung dieses Begriffs für unseren moralischen Status hervorgehoben. Wir sind jetzt also ein Subjekt von Rechten und Pflichten und stehen damit unter dem kategorischen Imperativ von Verantwortung und Moral. Doch gerade diese Last und Bürde verleiht uns auch unsere Würde als Alleinstellungsmerkmal in der Gesamtheit aller Organismen und Lebewesen.

 

Das Soziale – der Gestaltungsraum der Politik


Und schließlich besitzen wir Menschen als Spezies noch eine vierte Dimension: das Soziale. Dieses ist zwar keine typisch humane Eigenschaft, es hat aber bei uns eine Hochform erreicht, deren Effizienz jeden Insektenstaat und jede Affenhorde übertrifft, sowohl was die Chancen und Freiheiten als auch die Risiken betrifft. Wir existieren nicht als einsamer Robinson isoliert auf einer Insel, wir sind ein Sozialwesen, das in ein System von Strukturen eingebettet ist, die sich wie die Schalen einer Zwiebel um uns legen: die Familie, die Schule und Arbeitsgruppe, die Kommune, die Religionsgemeinschaft und der Staat. Sinn und Zweck solcher Strukturen ist die Schaffung eines Mehrwertes durch Kooperation und Arbeitsteilung, der wirklich mehr ist als die Summe der isolierten Leistungen der Einzelglieder. Doch dieser Mehrwert verdankt sich einer riskanten Strategie. Die Mitglieder humaner Sozietäten sind nicht mehr wie die Insekten zu Sklaven programmiert und dafür durch Instinkte abgesichert. Sie bestehen jetzt aus Personen und Subjekten mit Anspruch auf Selbstwert, Eigenrecht, Eigennutz und Freiheit.

 

Das Bonum commune, das Gemeinwohl, ist aber umso höher, je mehr Kreativität und Initiative die Glieder investieren. Doch sie wollen auch nicht ausgebeutet werden, und ihr Engagement muß sich nach Maßgabe ihres Einsatzes noch lohnen. Geben und Nehmen müssen sich mindestens zu einem Null-Summenspiel ausgleichen. Dies schafft eine labile Gleichgewichtslage aus dialektisch-antagonistischen Kräften. Wenn die egoistischen Individual- und Gruppeninteressen eine kritische Grenze überschreiten, korrumpiert die Sozialmoral, das leistungsfähige Kooperationsspiel bricht zusammen, der Kooperative war der Dumme und hat das Nachsehen. Die Menschen handeln dann ähnlich wie ein Parasit, der seinen Wirt zerstört und damit sich  selbst auslöscht. Überentwickelte liberale Gesellschaften befinden sich bedenklich nahe an solchen kritischen Korruptionsgrenzen. Solche Pannen und Katastrophen lehren uns heute gerade auch die simulierten Kooperationsspiele der Sozioökonomie. Als ein Sozialwesen lebt der Mensch also nicht unvermittelt als Individuum – gleichsam schalenlos – direkt im globalen Dorf. Auch seine soziale Identität bezieht er aus noch überschaubaren geographisch definierten und kulturell geprägten Substrukturen.

 

Die Evolution hat im Rahmen solcher Sozialstrukturen neben anderem auch zwei Entscheidungen getroffen und damit zwei Aufgaben gelöst. Die Selbstvorsorge und Selbsterhaltung verbleibt erstrangig in der Zuständigkeit des Individuums, sie wird nicht vergemeinschaftet. Zuerst kommt die Eigenverantwortung und die Sorge um sich selbst. Das Individuum ist der Gruppe ontisch und logisch vorgeordnet. Die Gleichwertigkeit und Ranggleichheit von Selbst- und Nächstenliebe funktioniert real in der global-massenhaften Sozialwelt deshalb nicht, sie bleibt ein ethisch-religiöses Handlungsideal für kleine Gruppen.

 

Ein zweites Problem wurde ebenfalls im Rahmen unserer Sozialnatur  gelöst. Wir Menschen sind am Anfang und am Ende unseres Lebens, im Alter, hochgradig abhängig, hilfe- und pflegebedürftig. Nur in der Lebensmitte sind wir voll leistungsfähig für uns selbst, für unsere Nachkommen und unsere Elterngeneration. Auch mit diesem Versorgungsplan als einer Symmetrie von geben und nehmen hat uns die Schöpfung Lasten und Pflichten aufgebürdet, deren Beachtung und Erfüllung die Kontinuität der Menschheit gewährleistet. Keine juristisch oder politisch trickreiche Form von Sozialtechnik kann uns durch delegieren, auslagern oder umverteilen letztlich davon befreien. Doch der moderne Single und Einzelmensch entledigt sich leicht solcher Pflichten indem es seine Steuern bezahlt, ‚soziale‘ Parteien wählt und alles weitere dem Staat überläßt. Ein leichtsinniger Sozialstaat fördert deshalb auch hier nur das Trittbrettfahren und die Ausbeutung der tatsächlichen und willigen Leistungsträger.

 

Statistische Regeln und Festlegungen

Ob es uns paßt oder nicht, wir leben in einer regelmäßigen Welt. Denn außer solchen Vorkehrungen, die uns direkt betreffen, hat die Schöpfung aber auch bei unseren äußeren Daseinsbedingungen einige Festlegungen und Regeln getroffen, die bei unserem Gestalten von Staat, Gesellschaft und Welt nicht ignoriert werden dürfen, auch wenn sie nur statische Geltung haben. Hierzu beispielhaft kurz noch zwei solche Realbedingungen. Es gibt so etwas wie ein fundamentales Verteilungsprinzip der schöpferischen Natur. Diese verteilt die Veranlagungen und Ausprägungen aller Eigenschaften und Meßgrößen eines Systems oder Organismus quasi mit einem Würfel, der nicht alle Zahlen gleich häufig besitzt, vielmehr sind auf ihm einige Zahlen auf Kosten der anderen überrepräsentiert. Das heißt praktisch, dass die Ausprägungen nahezu aller Eigenschaften der Organismen nicht gleichverteilt sind, einige finden sich häufiger, andere seltener. Sie sind statistisch oft breit gestreut, und die Verteilung ihrer Häufigkeit hat angenähert die Form einer sog. Glockenkurve. Und das heißt wieder mit anderen Worten: die häufigsten Fälle finden sich als ‚Normalfälle‘ in der Mitte der glockenförmigen Normalverteilung, es sind eben die normalen Formen und Funktionsträger. Zu den Rändern der Verteilung hin nehmen die Häufigkeiten schnell ab, und an den Rändern liegen die wenigen Extremfälle, also solche, die die entsprechende Eigenschaft nur ganz schwach oder im Übermaß besitzen, und ganz außerhalb des Kontinuums liegen oft noch Ausnahmen,  Sonderfälle oder ‚Ausreißer‘. Menschen mit Körpergrößen um 1,75 m sind eben zahlreicher als solche, die 1,50 oder 2,00 Meter groß sind.

 

Weiter gilt dazu im Klartext: Nicht nur physich-biologische Merkmale wie Größe und Körpergewicht folgen solchen Verteilungsregeln, sondern praktisch alle Fähigkeiten und Eigenschaften – soweit genetisch bedingt – psychische und geistig intellektuelle Begabungen ebenso wie sexuelle Orientierung, Motivation, Leistungs- und Kontaktfähigkeit. Sie alle unterliegen solchen Regeln von Streuung und Häufigkeit, es gibt eben große und kleine, begabte und unbegabte Menschen. Die Erziehung und das Milieu können diese Anlagen dann in eine gewünschte Richtung entfalten und verstärken, sie können sie als Rahmenbedingungen aber nicht mehr total widerrufen. Nicht jeder hat das Zeug zu einem Einstein oder Mozart. Die Natur streut die Merkmale und Anlagen breit, sie hat mit Gleichmacherei nichts am Hut.

 

Aber nicht nur für den engeren Humanbereich, auch für die Ökonomie und Ökologie hat die Natur einige Festlegungen getroffen. Es gibt so etwas wie einen Hauptsatz der Physik und Biologie, der besagt: Kein System kann linear ewig wachsen, auch nicht durch massive Subvention und künstliche Beihilfen. Die Ressourcen sind irgendwann erschöpft, oder das System erstickt an seiner Komplexität und an seinen Abfällen. Naturgemäßer sind dagegen dynamische Gleichgewichte, d. h. das Schwanken einer Größe um einen stationären Mittelwert durch Zu- und Abnahmen, sowie Zyklen und Perioden lebender Systeme durch Absterben und Neugeburt. Es gibt deshalb auch keinen dauerhaften wirtschaftlichen Aufschwung, sowenig wie es dauerhaften Sonnenaufgang oder Frühling gibt. Jedes Wachstum und jede Expansion geht auf Kosten eines anderen. Auch die Tragekapazität der Erde, die menschliche Populationsdichte und ihr Konsumgrad haben Grenzen. Hohe Dichte und hoher Lebensstandard für möglichst viele sind eben nicht beliebig zu haben, weder global, noch regional-national – ganz abgesehen von der dabei riskierten Instabilität des sozialpsychologischen Klimas. Für all dies gilt die generelle Regel: Jedes ungehemmte quantitative Wachstum schlägt an einem kritischen Punkt in qualitativ andersartige Zustände um, die ursprünglich weder erwartet noch gewollt waren. Dies gilt sowohl für Umwelt- und Klimaeffekte, wie auch für die Wirkungen von Menschheitswachstum und Migration.

 

Aus all dem folgt das sog. ‚Law of diminished return‘, zu deutsch das Sättigungsgesetz: Wenn ein System einmal überentwickelt, überreizt oder gesättigt ist, kann man noch so viel hineinstecken, es kommt nicht mehr viel zurück, die Gesamtbilanz wird eher negativ. Überentwickelte Gesellschaften wie die deutsche befinden sich bereits bedenklich nahe an solch einem Zustand. Sie werden unregierbar und leiden unter Selbstparalyse und Selbstblockade, denn jede Systemgröße verkehrt sich schnell in ihr Gegenteil, wenn sie überdosiert wird. Dies gilt schon für die Versorgung jeder Pflanze mit Wasser, Licht und Wärme. Zuviel und zu wenig machen jedes System kaputt. Und so ist es auch mit der Idee der Freiheit und der Gleichheit bei uns Menschen. Der Bürger merkt , dass seine Freiräume eher enger werden, sein Mißtrauen und Unbehagen steigt trotz allem verheißenen ‚Fortschritt‘

 

Dies also sind einige zentrale und eherne Bedingungen als das Fundament unseres humanen Daseins: Die gesetzlichen Strukturierungen in unserer physikalischen und biologischen Natur, und das Seelische sowie das Soziale als Ordnungsmuster unserer inneren Eigennatur. Es sind die Vorgaben für jedes Gestalten der Humanwelt mit Aussicht auf Erfolg. Es sind Bereiche von ruhender Beharrlichkeit mit je eigenen Gesetzen, die wie die Basis einer Pyramide das Fundament bilden, das alle nachfolgenden Aufbauten der Kultur und Zivilisation trägt und ermöglicht. Wir leben auch und zuerst unter den Bedingungen einer natürlichen Verfassung. Sie ist unsere Conditio humana und damit viel älter und unantastbarer als jede politisch-juristische Verfassung. Sie ist dieser vorgeordnet und damit das normgebende Fundament jeder nachgeordneten menschlichen Satzung. Wer dieses mißachtet oder gar zerstört, dem gelingt auch kein stabiler kultureller Aufbau einer humanen Gesellschaft und Zivilisation.    

 

 

Unser kultureller Überbau

 

Die größeren Freiheiten, die wir im Vergleich mit unseren tierischen Verwandten besitzen, verdanken wir unserer Vernunft und unserem Verstand. Diese sind unser kognitives Tafelsilber, denn sie befähigen uns zur Einsicht in die kausalen Zusammenhänge unserer Umwelt, zur Voraussicht ihrer Wirkungen und damit auch zum gezielten Eingriff in ihr Wirkgefüge. Wir erfahren deshalb jetzt die Vorgänge in unserer Umwelt nicht mehr nur passiv, wir verstehen, gestalten und verändern sie zu unserem Nutzen und Vorteil. Damit schaffen wir uns einen kulturellen Überbau gleichsam als zweite Natur unserer Conditio humana. Das Gestalten, Pflegen und Veredeln von wilder Natur, das war und ist der ursprüngliche Akt von Kultur, der in seinem Anfang eine Agri-Kultur war. Doch dieser Prozeß hat inzwischen eine abgehobene Eigendynamik entwickelt und erzeugt autonome Konstrukte, deren Richtung, Automatik und Wucht wir kaum noch unter Kontrolle haben. Sie bestimmen unsere Lebenswelt mit immer schnelleren Innovationsschüben und überhäufen uns mit Wirkungen und Produkten, deren Nutzen oder Schaden, Segen oder Fluch wir kaum noch beurteilen, und meistens auch nicht mehr trennen oder auswählen können.

 

Gewöhnlich verstehen wir unter Kultur die Bereiche der klassischen schönen Künste, also die Literatur, Architektur, Malerei, Musik etc. Ihre Entwicklung und Gestaltung unterliegt den freien Bedingungen von Begabung und Genialität, und sie ist deshalb direkt wenig steuerbar, bisher wenigstens, und das ist gut so. Sie sind das Feld der großen Freiheit, und aus dieser Richtung drohen uns die geringeren Gefahren. Daneben gibt es andere moderne Aktivitätsfelder unserer Kultur, deren Eigendynamik inzwischen eine ungebremste Automatik entwickelt, die uns über den Kopf zu wachsen droht und uns vom Jäger zum Gejagten macht. Sie regulieren unser Leben mehr als alles andere, und tatsächlich drohen uns aus dieser Richtung die größeren Gefahren für Freiheit, Humanität und Demokratie. Die Zweischneidigkeit und Ambivalenz dreier solcher Komplexe unserer kulturellen Segnungen müssen wir deshalb hier ebenfalls kurz und offen ansprechen. Denn die humane Kulturgeschichte ist noch weniger ein garantierter Erfolgskurs als unsere vorhumane Naturgeschichte, und deshalb ist kritische Wachheit gerade ihr gegenüber geboten.

 

Der politisch-juristische Komplex

Wir leben nicht als einsamer Robinson auf einer Insel. Dieser muß zum Überleben eigentlich nur die Naturgesetze und die Gegebenheiten seiner Umwelt beachten. Wir aber sind ein Sozialwesen, und wo mindestens zwei Individuen einen gemeinsamen Raum teilen, sind deshalb ergänzende Absprachen sowie Umgangs-, Nutzungs- und Eigentumsregeln notwendig zum Vorteil aller. Und mit wachsender Mitgliederzahl werden solche Regeln und Absprachen nicht nur notwendiger, sie werden auch komplizierter und abstrakter. Und weil die Instinkte mit ihrer Trägheit solche Regelungen – wie noch bei den Affen – nicht mehr festlegen können und damit überfordert wären, müssen wir Menschen von unserer Vernunft Gebrauch machen und solch ein Regelsystem neu schaffen. Die Gesamtheit solcher von uns Menschen selbst getroffener Festlegungen und Vereinbarungen ist das juristische Rechtsystem. Sein Sinn und Zweck besteht also darin, viele Fragen des sozialen Alltags, die die Naturordnung nicht regeln konnte oder wollte und deshalb offen gelassen hat, für alle verbindlich festzulegen. Ursprünglich hat also das Recht ausschließlich dienende Funktion, es ist kein Selbstzweck, kein Macht- oder Herrschaftsinstrument. Es ist abhängig vom Wollen und Wünschen des Menschen und hat seinen Anwendungsbereich in den natürlichen Vorgaben unserer menschlichen Lebenswelt zu deren Gestaltung und Kultivierung. Gute vernünftige Gesetze werden deshalb aus diesen Vorgaben heraus kreativ entwickelt und durch Interpretation verständlich aufbereitet, sie sind deshalb dann auch einsichtig und zustimmungsfähig. Sie werden nicht – auch nicht in Demokratien – nach Bedarf des Zeitgeistes und der politischen Opportunität zum Zweck des Einfangens von Wählerstimmern willkürlich konstruiert.

 

Doch wie viele Bereiche in der Wachstums- und Fortschrittsgesellschaft entwickelt auch das politisch-juristische System seine Eigendynamik. Es zeigt alarmierende Züge von autarker Verselbständigung, es expandiert personell und strukturell, es verdrängt schleichend die Realwelt und ignoriert deren Gesetze, es kapselt sich in seine Eigenlogik ab, es wird vom Diener zum Herr. Dies äußert sich in einer Flut von Gesetzen, bürokratischen Vorschriften und höchstrichterlichen Richtlinien für die Politik ganz allgemein, aber auch bis hinein in die Nischen des Privatlebens und der Gedanken- und Meinungswelt. In autoritären Regimen und Diktaturen bestimmen Wille und Macht der herrschenden Apparate die Ziele und Inhalte der Gesetze. In der modernen Demokratie sind dies die Parteien und ihre Parlamentarier, die gewählten Repräsentanten des Volkes als der eigentliche Souverän. Doch auch hier lauert die Korruption, denn leider bestimmen zu oft mächtige Lobbyisten und Interessengruppen den Verlauf der Gesetzgebung. Sie bedienen sich dabei oft fragwürdiger Mittel, indem sie durch geschickte Sophistik und moralisierende Propaganda die politische Deutungsmehrheit erringen, diese als die korrekt geltende öffentliche Meinung etablieren und so die schweigenden Mehrheiten de facto übertölpeln und von der Mitbestimmung ausschließen.

 

Der demokratische Formalismus begünstigt dieses Geschäft noch, denn auch er hat sich modernisiert, und für die Legalität von Gesetzen und Vorschriften gelten zunehmend nur noch zwei Kriterien: die einfache numerische Mehrheit und der formal korrekte Ablauf der Gesetzesschmiede. Dies allein genügt, denn Mehrheit ist Wahrheit, und umgekehrt wird Wahrheit inzwischen durch Mehrheit definiert, wenn man sich die Mühe des Argumentierens ersparen will. Die inhaltliche Entsprechung von politischen Gesetzen mit den Gesetzen und Strukturen der Realwelt wird dann zweitrangig. Dieses reduzierte und selbstgenügsame Begründungssystem nennt man Rechtsformalismus oder auch Rechtspositivismus. Dieser besitzt eine innere Nähe zu stark liberalisierten und pluralistischen Gesellschaften des  permanenten Fortschritts, denn er behindert deren Emanzipationsdynamik weniger, im Gegenteil, er beschleunigt sie noch, indem er von lästiger Sachbegründung in offener Diskussion befreit. Man definiert dann z. B. die ‚Ehe für alle‘ als Kooperationsform zweier beliebiger Personen, oder die Hochschulreife für alle, unabhängig vom Leistungsvermögen, denn die formal korrekte Definition als solche genügt für deren Legitimation.

 

Und wenn nun außerdem noch die Kontrolleure als dritte Gewalt, also die Richter der obersten Gerichte und Instanzen, aus diesem System selbst stammen, weil sie nach dem Proporz der großen Parteien politisch ausgekungelt werden, so versagt auch hier jede anspruchsvollere Form von Korrektur des politischen Systems. Die Funktionen von Parlament und Justiz werden dann vertauscht, die obersten Gerichte machen Politik und die Parlamentarier schielen nur noch ängstlich auf deren Weisungen und Richtlinien. In der Sache ist die strikte Gewaltenteilung dann abgeschafft und die Demokratie wird schleichend ausgehöhlt. Für den betroffenen Bürger aber ist jetzt die gefühlte politische Wirklichkeit eher die von Ohnmacht und Entmündigung, sein Wahlrecht als politisches Instrument wird stumpf. In solchen Automatismen liegt eine ähnliche Gefahr für die Demokratie wie die des offenen Kampfes ihrer extremen Gegner.

 

Der technisch-ökonomische Komplex

Ein anderer kultureller Bereich, der unser Leben fest im Griff hat, ist der technisch-ökonomische Komplex. Wir Menschen sind als Kulturwesen ein Homo faber und Homo ökonomicus schlechthin, also ein Handwerker, Techniker und Händler. Die Produkte und Segnungen dieser Taten sind die materiellen Bestandteile unserer Kultur und Geschichte, und niemand will sie mehr missen. Ihnen verdanken wir unsere Befreiung vom primitiven und mühevollen Naturstatus, durch sie erst erzielten wir die Veredelung unserer essentiellen Lebensbedingungen, also die von Nahrung, Kleidung und Wohnen, sowie die Humanisierung unserer Arbeitswelt. Das kulturelle Niveau historischer Gesellschaften war ja geradezu definiert durch den Grad der Technik – Steinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit, Digitalzeitalter. Und solange die klassische Mechanik noch den Alltag bestimmte, erlebte der Mensch die Technik noch als Befreiung, er hatte noch Durchblick, er verstand sie, er konnte noch reparativ eingreifen  und er war noch Herr der Lage.

 

Doch so blieb es nicht, denn auch hier hat sich in der Vergangenheit eine rasante Veränderung durchgesetzt. Die Mechanisierung ermöglicht eine Massenproduktion von Gütern, deren Bedarf und Genuß jetzt erst einmal geweckt und stimuliert werden muß. Gewöhnung schafft Abhängigkeit, und diese wiederum inszeniert eine Beschleunigung von Produktion und Konsum, deren Automatik kaum noch zu kontrollierten, geschweige denn zu entschleunigen oder gar zu stoppen ist, es sei denn um den Preis einer Destabilisierung der ganzen Volkswirtschaft und Konsumgesellschaft. Doch dieser Betrieb aus Erzeugung und Verbrauch erfährt in jüngster Zeit noch eine Turbobeschleunigung durch den Ausbau der Elektronik zur Informations- und Nachrichtentechnologie und die Digitalisierung unserer Alltagswelt. Die Kommunikation wird total und zu einer Droge, die süchtig macht. Nicht dass man jetzt alles digital zerlegen und zur Information umformen kann, ist das eigentliche Problem, vielmehr dass jetzt praktisch alles auf der Welt online, d. h. ohne Zeitverzögerung verfügbar ist und ungefiltert in die private Welt eindringen kann, darin besteht die neue Bedrohung besonders für Kinder und Jugendliche. Die updates der hard- und software-Ausführungen der neuen Firmen und ihrer Geräte jagen sich atemlos auf den Märkten. Der Innovationsterror entwickelt faschistoide Züge und wird zu einer modernen Variante der Versklavung. Dabei ist der pure Geschäftssinn die eigentlich treibende Kraft, und nicht der berechtigte Wunsch  nach Mitteilung und Teilhabe oder die Notwendigkeit, eine mangelhafte alte Technik durch eine bessere und schnellere zu ersetzen.

 

Wer sich dieser Automatik ohne Vorbehalt hingibt, der erfährt eine Metamorphose an Leib und Seele. Er verbringt einen beträchtlichen Teil seines täglichen Zeitvorrates mit diesem teilweise äußerst banalen und niveaulosen Informationsmüll, und auch entsprechende Anteile seiner psychischen Reserve werden davon aufgezehrt, er verirrt sich in eine virtuelle Ersatzwelt. Dabei verliert sich das unterscheidende Gespür für Wertvolles und Banales, für Wichtiges und Nebensächliches, für Anständiges und Unanständiges. In der Masse des Vielen bestimmt der Zufall, wo man hängen bleibt. Dem Zwang zur permanenten Präsenz werden auch letzte Reste von Privatheit geopfert. Aber auch für heutige junge Menschen hat der Tag 24 Stunden und keine Sekunde mehr. Wer daher einen beträchtlichen Anteil seines täglichen Zeitvorrates damit verbringt, der muß notgedrungen bei anderen menschlichen Aktivitäten kürzertreten. Wen wundert es also, wenn dann bei den Investitionen für Partnerschaft, Familie und Freundschaften entsprechend eingespart wird, wenn gründliche Bildung wieder zur Rarität wird und psychische Krankheiten sich ausbreiten? Das Ideal eines autonomen, selbstbestimmten Menschen bleibt dann wohl nichts anderes als die sympathische, aber wirkungslose und naiv-vergebliche Idee einiger gesinnungsstarker idealistischer Philosophen.

 

Der bio-medizinische Komplex

Nicht allein die physikalische Technik und ihre ökonomische Verwertung sind ein wichtiger Gestaltungsfaktor unserer Kultur, auch die Anwendung der biologischen und chemischen Wissenschaft in Agrartechnik und Medizin ist ein Aktivposten unseres kultivierten Daseins. Die humanitären Aspekte der Medizin und Heilkunde mit ihren Kliniken, Hospitälern und Reha-Zentren bedürfen zu ihrer Rechtfertigung keiner aufwändigen Begründung, und davon profitiert selbst die Touristikbranche gut dank einer rüstigen großen Seniorenschaft. Niemand kann und will diese Segnungen mehr missen. Aber auch dieser Betrieb droht inzwischen seine Unschuld zu verlieren, denn  er hat seinen klassischen Status des Heilens und Pflegens schon überschritten in Richtung auf eine Neugestaltung unserer biologischen und psychischen Rahmenbedingungen. Die chemische und pharmazeutische Technik macht auch hier bisher Ungeahntes möglich. Typische Stichworte geben die neuen Richtungen vor: Grüne und rote Gentechnik, synthetische Biologie, künstliche Befruchtung am Anfang und Sterbehilfe am Ende unserer Lebensspanne, und – nicht zu unterschätzen – verschiedene Spielarten von Gehirndoping. Doch kein Mißverständnis: Falls behutsam angewandt, sind viele dieser Techniken geeignet, unseren kulturgeschichtlichen Kampf um Befreiung und Entlastung fortzusetzen, und keine von ihnen ist als solche apriori inhuman und darf verteufelt werden. Aber ihre Kombination und unkritisch systematische Anwendung kann qualitativ ganz andere Lebensformen zur Folge haben, deren Eigendynamik und Nebenwirkungen wir nicht mehr überschauen können. Zur Klärung: Bisher galt die Motivation, die Sorge und Absicht der Ärzte ausschließlich dem Helfen, Heilen, Lindern und Reparieren, also der Wiederherstellung von Normalität. Daran war unser Verständnis von Gesundheit ausgerichtet und definiert.

 

 Die neue Frage aber lautet jetzt: Warum soll man dabei Halt machen? Warum soll man nicht darüber hinausgehen und unsere Natur erweitern oder neu konstruieren? In der synthetischen Biologie verfolgt man das Ziel, aus biologischen Teilen und Fragmenten verschiedener Organismen neue Biosysteme herzustellen, die sich selbst replizieren und gewünschte Produkte in Serie erzeugen wie Antibiotika, Hormone, Bioprothesen oder einfach Eiweiß, Fette und Fleischpakete zur Nahrung. Dies alles klingt noch harmlos, ja es kann sogar ethisch erwünscht sein zur Verringerung von Massentierhaltung und Tierexperimenten. Ethisch relevanter und problematischer sind jedoch Manipulationen am Gehirn selbst, das sog. Gehirndoping. Es geht dabei um die Steigerung oder Manipulation geistiger und psychischer Fähigkeiten, also jener menschlichen Merkmale, die den Kern unserer personalen Identität ausmachen. Noch harmlos sind hierbei die Mittel zur Konzentrationssteigerung. Folgenschwerer dagegen sind Eingriffe zur Erweiterung der Intelligenz, zur Verlängerung von Wachheit und Leistungsfähigkeit, zur Erreichung dauerhafter Hochstimmung, zur Erzeugung von Kampfbereitschaft und Aggressivität für Kriegseinsätze. Bei solchen und ähnlichen Eingriffen geht es also nicht mehr um das Kurieren von Krankheiten, hier geht es um die gezielte Veränderung des Menschen. Dies aber jetzt nicht mehr durch die klassischen Methoden des Lernens und der Erziehung, sondern durch technische Maßnahmen, durch biochemische Eingriffe und biotechnisches Neudesign der biologischen Fundamente.

           

Dass wir Menschen mit Hilfe der Atombombe uns selbst und unsere Zivilisation zerstören können, das ist inzwischen Anlaß zu tiefer Besorgnis vieler Politiker und Bürger. Dass aber die blinde Wachstums- und Fortschrittsautomatik einer Menschheit aus zehn Milliarden Erdbewohnern auch katastrophale Wirkungen entfesseln kann, diese Möglichkeit muß in unseren Köpfen erst noch Platz greifen.

 

Und was ist mit der Religion, dieser ehrwürdig alten und scheinbar unentbehrlichen Orientierungs- und Sinnstiftungsmacht unserer Kulturgeschichte? Erfährt auch sie ein ähnlich explosives Wachstum und innovative Entfaltung wie Technik und Ökonomie? Hier läuft der Trend eher in die Gegenrichtung, wenn wir die Sprache der Statistik richtig deuten. Den Großkirchen und Religionen im Westen macht nicht nur zahlenmäßig der Mitgliederschwund zu schaffen, auch die Glaubenssubstanz der treuen Anhänger leidet unter Auszehrung, und es ist kein Ende in diesem Prozeß abzusehen. Der Islam hinkt dieser Krise nur hinterher, denn seine vordergründige Robustheit ist nur eine Fassade, hinter der sich seine tatsächliche Schwäche infolge seines archaischen Gottesbildes und seiner Aufklärungsresistenz verbirgt.

 

Doch nicht so sehr die äußeren Strukturen und ihre historische Traditionslast sind das Problem der Religionen, die eigentliche Ursache dafür sind ihre heiligen Schriften, ihre Gottesbilder und deren wechselseitigen Widersprüche, denn diese vertragen sich sowohl untereinander, wie auch mit dem revolutionierten Weltbild der Naturwissenschaften und dem kriegerischen Verlauf der faktischen Weltgeschichte nur noch sehr schwer. (Siehe dazu: R. Bauer.: Kosmogenese, Evolution, Religion; Die Blaue Eule, Essen, 2017). Doch wie immer man diese Ursachen und Zusammenhänge auch beurteilen mag, die Krise der tradierten Religionen und Kirchen ist nicht zu leugnen. Sie äußert sich durch stark entleerte Kirchen an Sonntagen, aber auch auffällig durch die Flucht der Amtskirchen in Sozial-, Friedens, und Gesellschaftspolitik als Ersatz und Ausweg für die neuen Verunsicherungen bei der Verkündigung ihrer eigentlichen Glaubenslehre. Und der Islam, die neue europäische Importreligion, verweigert sich schon vorbewußt einer ehrlichen Lageanalyse indem er phobisch-aggressiv auf jede Form von Islamkritik reagiert. Doch ob man es bedauert oder nicht, die Religion als Orientierungsfaktor schwächelt, sie erreicht viele Menschen nicht mehr, und die so entstandene Lücke und Leere wird bereitwillig ausgefüllt durch ständig neuen Bedarf an Emanzipation und Wachstum als neue Ersatzreligion. Mit dieser aber macht man eher noch den Bock zum Gärtner, denn sie besitzt keine eingebaute Kontrolle gegen ihre eigene Automatik und enthemmte Dynamik.

 

 

Gesetz und Freiheit – Eine kaum auflösbare Dialektik

      

Wir sehen: Unser Leben ist eingebettet in ein Geflecht aus Strukturen mit je eigenen Gesetzen und Zwängen. Ihre geistige Beherrschung beschert uns aber auch erweiterte Freiheitsgrade, Spielräume und Chancen mit Risiken für die Gestaltung dieser unserer Daseinsbedingungen. Die Spannung und Dialektik, die in diesen unseren Vorgaben und Rahmenbedingungen steckt, wird durch das Begriffspaar ‚Gesetz und Freiheit‘ thematisiert, und es durchzieht wie ein roter Faden die Geschichte unserer Philosophie, Religion und Staatslehre. Dass Freiheit immer auch eines gesetzlichen Rahmens bedarf, wenn sie nicht in Chaos und Selbstzerstörung enden soll, diese Auffassung war immer unbestritten, und sie ist selbst heute noch mehrheitlich konsensfähig. Doch welches Gesetz erfüllt diesen Zweck und welches findet dazu auch heute noch die nötige Akzeptanz? Diese Frage erregte immer die Gemüter, und sie sorgt auch heute noch für Debatten und Diskussionen in oft scharfer Form. In unserer Kultur und Geistesgeschichte werden drei Legitimationsmuster von Gesetzen mit ihren jeweiligen Geltungsansprüchen unterschieden: Das göttliche, das natürliche und das menschliche Gesetz.

                                                  

Das Gottesgesetz gilt als direkt von Gott gegeben und geoffenbart. Es ist deshalb niedergelegt in den Schriften der Offenbarungsreligionen, also denen des Judentums, des Christentums und des Islam, es steht über allen anderen Gesetzen und es besitzt deshalb höchste, d. h. absolute Geltung. Es ist daher auch nicht beliebig auslegbar und nicht der autonomen Vernunft unterworfen. Es ist die Gründungs- und Legitimationsbasis der drei betreffenden Religionen, und in seiner Konsequenz verlangt es die theokratische Staatsform, also den Gottesstaat, auch wenn dieser durch weltliche Herrscher als die Stellvertreter Gottes repräsentiert wird. Solche staatlichen Verfassungen existierten real z. B. im altjüdischen Tempelstaat, im Kalifat des Islam, aber auch ansatzweise im römischen, im byzantinischen und im abendländischen Kaisertum

 

Das Naturgesetz ist durch den Schöpfungsakt in der Struktur und Ordnung der Natur verankert. Auch dieses stammt also indirekt von Gott, und es wird von uns Menschen durch unsere Vernunft entschlüsselt für unser Handeln und Gestalten in der Welt. Viele Autoren und Denker bezeichnen es deshalb auch als das Vernunftgesetz. Dieses hier in unserem Kontext thematisierte Naturgesetz ist aber nicht identisch oder deckungsgleich mit den Gesetzen der Naturwissenschaften. Es bildet aber mit diesen die Gesamtheit der Gesetze und Regeln unserer realen Weltordnung, und es umfaßt daher auch die kausalen Strukturen unserer humanen Verfassung, wie sie vorstehend bereits dargelegt wurden. Heute gelten bei vielen Philosophen und Theologen die Gebote 4 bis 10 des Mosaischen Dekalogs als typische Kurzfassungen diese Naturgesetzes, z. B. die Gebote: Du sollst nicht töten, nicht stehlen, usw.

 

Das positive Menschengesetz schließlich verdankt sich allein dem Menschen, seinem Willen und seiner Vollmacht zur Gesetzgebung. Es ist das Gesetz des Staates und seiner Verfassung, also das an ihm, was wir den Rechtstaat nennen. Der Gegenstandsbereich dieses Gesetzes umfaßt alles, was von den beiden bereits erwähnten Gesetztypen nicht genauer festgelegt ist  oder offen gelassen wurde, und das betrifft die meisten Angelegenheiten unseres praktischen Lebens und Alltags. Dabei reguliert und ordnet das Menschengesetzt natürlich auch sehr oft solche Lebensbereiche, die vom Naturgesetz in bestimmte Richtung vorstrukturiert sind, z. B. die Familie, und die deshalb für unsere souveräne Gestaltung nichtmehr beliebig  regulierbar sind. Hier breitet sich eine Grauzone aus, die eine der Hauptquellen für heftige Diskussionen und politischen Streit zwischen den  konkurrierenden Parteien ist. In einer liberalen emanzipatorischen Gesellschaft ist die Versuchung natürlich groß, das Menschengesetz mit seinen größeren Spielräumen und Freiheiten für unsere Selbstverwirklichung großzügig auszugestalten und zur alleinigen Quelle für alle gesetzlichen Regelungen zu erklären.

 

Die Beziehung zwischen diesen drei Gesetzestypen war lange Zeit bestimmt durch eine strikte Hierarchie. Das göttliche Gesetz stand unbestritten über den beiden anderen Gesetzen, es begründete das Naturgesetz, und durch dieses vermittelt gab es auch dem Menschengesetz seinen Rahmen vor. So lehrte es die scholastische Philosophie der Kirche im Mittelalter, und noch im Feudalismus galt die Herrschaft der Könige und Fürsten als legitimiert durch das Gottesgnadentum. Die Partnerschaft von Thron und Altar war auch in unserer Kultur Garant und Ausdruck solcher Gottesherrschaft. Dieses Verständnis von Herrschaft, Staat und Volk hat sich in der Moderne fundamental gewandelt.

 

Der liberale demokratische Staat hat das Gottesgesetz und auch große Teile vom Naturgesetz in seiner Substanz gestrichen, denn er begründet sich jetzt allein aus dem Willen des Staatsvolkes – oder der Bevölkerung – als dem einzigen Souverän. Die Religion steht jetzt nicht mehr über dem Staat, und diese Errungenschaft ist inzwischen weitgehend anerkannt und akzeptiert. Die Zweifel an der praktischen Nützlichkeit des Gottesgesetzes wurden nicht zuletzt auch dadurch genährt, dass es mindestens drei geoffenbarte, aber konkurrierende und widersprüchliche Varianten davon gibt. Aber auch das Naturgesetz – sofern man es überhaupt noch gelten läßt – besitzt seine bindende Wirkung jetzt nur noch als reines Vernunftgesetzt ohne metaphysisch-theologische Verankerung. Wenn man diese Entwicklung überblickt, versteht und auch akzeptiert, und zugleich wacher Zeitzeuge der gegenwärtigen Bevölkerungspolitik ist, so läßt sich eine Randbemerkung dazu kaum noch unterdrücken: Dass unser liberales modernes Staatsverständnis mit einem archaisch-theokratischen Verständnis von Religion  und Staat wie dem des Islam samt seiner Scharia schwer kompatibel ist, das ist schon genug der Herausforderung. Dass dieses Problem aber von vielen Vertretern unseres real existenten Liberalismus ignoriert oder sogar geleugnet wird, dies ist doppelt provokant, denn es offenbart einen beängstigenden Mangel an gründlicher Bildung.

 

 

Liberale und sozialistische Leitlinien – Ihr politisches Profil

 

Nach diesen Ausflügen in einige zentrale Felder unserer Kultur und Geistesgeschichte nun wieder zurück zu unserem Thema. Wie gehen wir nun mit diesen unseren Daseinsbedingungen, mit unserer Conditio humana und mit unserer Freiheit um? Was ist verantwortungsethisch geboten? Die Antworten auf solche Fragen dürfen nicht nur privat fallen, sie müssen vor allem politisch-öffentlich erbracht werden. Und dabei kommen jetzt wieder die politischen Ideale mit ihren Parteien und Wortführern ins Spiel. Was sagt der Liberale, der Sozialist, der Konservative zu diesen Herausforderungen, was sind ihre Antworten und Lösungen?  Es geht hier schließlich um Grundsätzliches, und hier bietet sich für den Konservativen die Chance, Profil und Format zu gewinnen, aus der Defensive herauszutreten und zu einem respektierten Mitspieler in der öffentlichen Arena aufzurücken,  ja sogar zum Spiel- und Wortführer zu werden.

 

Der Liberalismus – unsere politische Großwetterlage

Der Liberalismus im weitesten Sinne bestimt und dominiert die politische Lufthoheit über und um uns. Seine Leitlinie folgt dem Ideal der Mehrung persönlicher Freiheiten und damit auch der Parole des laissez-faire: Man soll den Dingen des Lebens und ihren Eigengesetzen freien Lauf lassen und sich möglichst wenig einmischen. Die unsichtbare Hand, das freie Spiel der Kräfte und Mächte, schafft allein genügend Ordnung. Es verteilt auf dem Markt fair die Chancen für Starke und Schwache, es belohnt die Aktiven und Fleißigen und bestraft die Trägen und Faulen. Leistungswillige Individuen und ihr Wettbewerb sind die eigentlichen Akteure und Schrittmacher des Fortschritts. Die Natur ist gut so wie sie faktisch ist, und auch die Menschen sind mit ihrem Ego meist richtig gepolt trotz und gerade auch in ihrer Verschiedenheit. Man sollte sie nur nicht gezielt behindern oder gängeln. Der Staat bleibt möglichst außen vor und greift nur bei Exzessen als Schiedsrichter ein.

 

Der Liberale verfolgt also die Mehrung und Erweiterung von persönlichen Freiheiten. Doch Freiheit als solche ist noch kein Bekenntnis zu konkreten Zielen und Inhalten, sie ist reine Form und als solche deshalb inhaltlich unbestimmt. Deshalb ist sie zuerst eine Freiheit von Schranken, Mühen und Grenzen, und als solche eher negativ, aber nicht positiv definiert. Ziele und Werte müssen der Freiheit deshalb von außen erst gesetzt werden, sie bringt diese von sich aus nicht schon mit. Dies hat natürlich für den Liberalen auch angenehme Vorteile, denn er legt sich damit inhaltlich wenig fest, er vermeidet so falsche Entscheidungen, riskiert nicht zu viel und steht im Zweifelsfalle auf der sicheren Seite. Mit ‚liberal‘ hat man immer eine Ausrede für alle Fälle und eine Entschuldigung. Und weil der gemeinsame Nenner aller liberalen Spielarten eher Negation statt Position ist, so ist deren Vielzahl auch recht heterogen und kaum überschaubar. Es gibt das Verlangen nach Freiheit von Aufgaben und Pflichten ebenso wie die stolze Freiheit von staatlicher Fürsorge und Bevormundung.  Es gibt die hedonistische und die schmerzliche, die linke und die rechte Freiheit und vieles dazwischen. Es gibt die permissive Gefälligkeit, aber auch die ehrliche Liberalität, die zu den Risiken und Folgen der beanspruchten Freiheiten steht und die Verantwortung für das eigene Handeln mutig übernimmt. Konkrete Anwendungen solch seriöser Liberalität sind z. B. die Regeln des Marktes und des fairen Wettbewerbs, das Verursacher- und das Haftungsprinzip. Dazu gehören auch die Symmetrieregeln von Leistung und Belohnung, von Anstrengung und Erfolg, von Ursache und Wirkung, und sie sind damit die tragenden Pfeiler des Ordoliberalismus. Auch die Freiheit gibt es eben nicht zum Nulltarif.

 

Der Liberale scheut sich, der Politik Richtungen und Inhalte vorzuschreiben, er übernimmt diese positiv aus dem, was sich gerade aus dem Spiel von Angebot und Nachfrage ergibt und durchsetzt. Für den Liberalen kommt das Eigenwohl vor dem Gemeinwohl, er braucht kein göttliches Gesetzt, und vom Naturgesetz akzeptiert er hauptsächlich die Gesetze des freien Marktes und des freien Wettbewerbs. Er verläßt sich am liebsten auf das positive Menschengesetz.  Diese politische Einstellung und ihr Ordnungsmuster ist im Grunde nur die konsequente Fortsetzung des vorhumanen Darwinschen Spiels der Konkurrenten um Ressourcen, Nischen und verfügbare Chancen auf höherem Niveau. Doch die traditionelle Form dieses Spiels bereitet uns heute weniger Sorgen. Stress dagegen erzeugen eher die hohen Innovationsraten, der Emanzipationsdruck und die ökonomischen Wachstumszwänge, die unsere Zivilisation mit Technologie und politischem Mainstream erzeugt. Wenn dieses hektische Spiel dann noch von seinen tradierten nationalen, kulturellen und religiösen Vorgaben befreit wird, so kann es schnell zum globalen turbodarwinistischen Kampf ausarten, also gerade zum Gegenteil dessen, was eine humane Weltentwicklung sein sollte. Nein, der Liberalismus allein als rigorose Freiheitsidee ist nicht die punktgenaue Antwort auf unsere neuzeitlichen Probleme und Schwierigkeiten.

 

Jedoch, die Freiheit hat auch unbestritten ihre starke unentbehrliche Seite, denn tatsächlich besteht dringender Bedarf an ehrlicher Freiheit und unbequemer Liberalität ohne Ansehen der Person und Gruppe. Die Freiheit der Gedanken, der Worte und der Meinungsäußerung sind ein hohes humanitäres Gut, und paradoxerweise sind gerade sie im real existenten Liberalismus stark bedroht. Gedanken- und Redefreiheit sind eine notwendige Rahmenbedingung für die Sicherung von Zukunft durch unbehinderte Diskussion der Standpunkte und Argumente, weil nur so ausgereifte Entscheidungen und sachgerechtes Handeln gelingen können, und weil nur so die Demokratie unverfälscht offen funktioniert.

 

Diese prinzipientreue Freiheit ist ehrlich, weil sie nicht nur die Schokoladenseite von Freiheit genießt, sondern auch zu ihren Risiken und möglichen Verlusten mutig steht und dafür haftet, anstatt diese vorschnell auf die Gesellschaft abzuschieben. Solches Verständnis von Freiheit ist aber nur die konsequente Akzeptanz des Verursacher- und Haftungsprinzips, das den Menschen als mündiges Subjekt ernst nimmt. Doch gerade auch diese so verstandene Ordo-Liberalität ist ein integraler Bestandteil konservativer Überzeugung, weil sie die natürlichen Ordnungs- und Steuerungsfaktoren freisetzt, für die die Bürokratie bis heute keine einfacheren und wirksameren Alternativen erfunden hat. Hier, in Bezug auf diese Ordnungsfunktion, hat das Doppelattribut liberal-konservativ seine sinnvolle politische Bedeutung – ansonsten wird seine Verwendung schnell widersprüchlich zu einem hölzern Eisen oder zum viereckigen Kreis. Und solche ehrliche Liberalitas verdient zweifellos mehr Respekt und Achtung als ein permissiver Liberalismus, der alles mitmacht, alles toleriert und alles gleichgültig absegnet.

 

Fazit: Wir sollten also dringend unterscheiden zwischen der ehrlichen offenen Liberalität und dem billigen real existierenden Liberalismus. Diesem mangelt es an den zwei unerläßlichen Selbsterhaltungsreflexen: Er ist kaum mehr willens und fähig, sich nach außen zu verteidigen, und nach innen fehlt ihm die Moral zu nachhaltiger Selbstbehauptung. Er zeigt deshalb bedenkliche Züge von Dekadenz und Selbstauflösung.

 

 

Das sozialistische Profil

Dieses ist in vielem – nicht in allem –  konträr zur liberalen Haltung. Der Sozialist setzt auf die Ideale der Gleichheit, der Gerechtigkeit und Solidarität, er gewinnt daraus seine soziale Gesinnung und die Imperative für sein Handeln. Er zieht aus dem Postulat von der moralischen und würdehaften Gleichheit aller Menschen den idealistischen Trugschluß, dass die realen Menschen auch nach ihrer physischen Form und Anlage gleich sind und gleich sein sollten. Er stößt sich an den Ungleichheiten in Natur und Kultur hart, denn diese sind für ihn eine Provokation und ein Ärgernis, und er leitet daraus für sich einen Korrekturauftrag ab, denn in seiner Logik ist Ungleichheit immer auch ein gutes Stück Ungerechtigkeit.

 

Als erste Dringlichkeitsstufe nimmt er sich für diese Mission zunächst einmal die monetären Unterschiede in der Gesellschaft vor. Abhilfe schafft hier eine Umverteilung von den Reicheren zu den Armen. Doch diese Symptomtherapie allein reicht ihm nicht, er will Ursachentherapie durch die Verordnung von Chancengleichheit in der Bildungs- und Schulpolitik. Ziel und Zweck dabei ist möglichst eine weitgehende Gleichheit der Ergebnisse und Resultate. Aber mit der Beseitigung von Privilegien und unlauterem Wettbewerb – die es tatsächlich leider gibt – ist man schon bald auch nicht mehr zufrieden, man geht weiter und greift in die Naturordnung selbst ein. Die Gleichstellung von Frau und Mann darf sich jetzt nicht mehr nur auf die Bewertungsebene und auf gleiche Belohnung für gleiche Leistung beziehen, sie muß auch die Rollen- und Formgleichheit bis in die psychischen, ja sogar in die biologischen Strukturen hinein einschließen. Die Benennung der heteropolaren Mehrheiten unter den Geschlechtstypen als normal ruft dann schon inkriminierende Reaktionen gegenüber dem hervor, der es wagt, solches auszusprechen.

 

 Für ein sozialistisches Menschenbild gilt ferner: Wir Menschen sind überwiegend bestimmt durch die Rolle, den Status und die Zuschreibungen, die Gesellschaft und Staat vornehmen. Ein davon unabhängiger Personkern, vorgesellschaftliche natürliche Anlagen oder historisch-kulturelle Prägungen, existieren hier kaum, sie stören nur. Deshalb sind auch die Menschen in den bürokratisch-juristischen Verwaltungseinheiten – bisher Staat genannt –  beliebig erzieh- und austauschbar. Im Unterschied zum Liberalen wünscht sich der Sozialist natürlich einen mächtigen Gesetzesstaat, der seine gesellschaftlichen Ziele mit starker Hand durchsetzt. Ebenfalls unterscheiden sich beide markant bei der Frage nach der Beeinflußbarkeit der Entwicklungen in der Gesellschaft. Der Sozialist wartet nicht passiv die Resultate des Spiels der Kräfte, der Interessen und Gruppenegoismen ab, er greift aktiv ein. Er gestaltet nicht nur mit, er programmiert und konstruiert vielmehr die öffentlichen Zustände gezielt nach seinen Ideen und Vorstellungen. Das Gemeinwohl steht über dem Privatwohl. Für seine Ziele und Zwecke kann der Sozialist moralisierend autoritär werden und diktatorisch durchgreifen.

 

Die hier vorgenommene Skizzierung politischer Ideale und Motive ist natürlich als scharfkantige Typisierung beabsichtigt, um die spezifischen Profile und Richtungen hervorzuheben. Die reale Politik wird jedoch meist von ihren Mischtypen mit verschiedenen Akzentsetzungen bestimmt. Einer unter diesen ist die Sozialdemokratie, ein anderer sind die ‚Grünen‘. Diese verfolgen ein besonders kontrastscharfes Programm mit zwei konträren Richtungen. Gesellschaftspolitisch sind sie geradezu libertär und fördern vorbehaltlos das emanzipierte Individuum. Wirtschaftspolitisch dagegen sind ihre Konzepte und Programme stark dirigistisch und regulativ, und damit folgen sie eher sozialistischen Zielen.

 

Alle Mischtypen, auch die christdemokratischen, huldigen jedoch mehr oder weniger offen dem Sozialliberalismus. Dieser ist ein besonders verführerischer Vertreter, geradezu ein gefährlich süßes Gift. Denn wie schon sein Name andeutet, versucht er die angenehmen Ziele der beiden Ideale zu kombinieren und zu maximieren, d. h., möglichst viel Freiheit mit möglichst viel sozialer Absicherung und Emanzipation zu verkoppeln, die Haftung für das Handeln aber von Freiheit und Verantwortung abzukoppeln. Gegen diese Versuchung scheint in der realpolitischen Demokratie kein Kraut gewachsen zu sein, und selbst bürgerliche Gruppen erliegen ihr hilflos. Denn wer beim permissiven Wettlauf um die entscheidende Ressource, die Wählerstimmen, nicht mitmacht, ist der Dumme, ihm bleibt nur die Oppositionsbank oder er scheitert an der fünf-Prozent Hürde.

 

In stark sozialliberalen Demokratien herrscht tatsächlich ein strenger Wettbewerb um diese entscheidende Ressource, die Wählerstimme. Die etablierten Parteien überbieten sich dabei mit Versprechungen von Wohlstand und Emanzipationsgewinn. Dies aber führt über kurz oder lang innenpolitisch zu kontrolllosen Zuständen und weltweit zu spontaner Bündelung der globalen Migration in Richtung der meistbietenden gefälligsten Staaten. Wenn dann neue politische Gruppierungen auftreten, die mit der Parole ‚Recht und Ordnung‘ und mit der Forderung nach Rückgewinnung der staatlichen Selbstkontrolle auch um Wählerstimmen werben und konkurrieren, so werden diese von den Kontrolleuren der öffentlichen Meinung als Rassisten diffamiert und als Rechtspopulisten verketzert. Eine hohe in die Zukunft vorhergeschobene öffentliche Verschuldung ist das Markenzeichen einer ausgeprägt sozialliberalen Politik. Auch die EU ist als versteckte Transferunion bereits stark infiziert mit diesem Bazillus.

 

Liberalismus und Sozialismus haben aber auch einige gemeinsame Merkmale. Beide distanzieren sich von einer Begründung des Staates im göttlichen Gesetz, was nach den langen und harten Kämpfen um die Demokratie eigentlich auch gut nachvollziehbar ist. Sie stehen jedoch auch dem Naturgesetz skeptisch bis ablehnend gegenüber. Dafür aber sympathisieren sie mit der alleinigen Geltung des positiven Menschengesetzes gerade auch in seiner von allen naturrechtlichen  Rücksichten losgelösten rechtspositivistischen Fassung. Die Ideale der Freiheit oder der Gleichheit genügen ihnen jeweils zur Begründung staatlicher Gesetze. Dies ist von ihrem Selbstverständnis her auch konsequent, denn ein autonomes und autarkes Menschengesetz gewährt die optimale Definitionsfreiheit zur großzügigen Ausgestaltung der Gesellschaft nach ihren politischen Ideen und Idealen.

 

Solches Freiheitsverständnis erhält inzwischen noch Schützenhilfe von einer neueren Gesellschaftsphilosophie, dem Konstruktivismus. Dieser liefert dem Rechtspositivismus den theoretischen Rahmen, und seine These lautet verschärft etwa so: Es gibt überhaupt keine natürlichen Vorgaben oder anthropologischen Konstanten für unser Leben. Vielmehr ist alles, was wir als Gewissen, als Naturgesetz oder moralischen Imperativ erachten, ein reines gesellschaftliches Konstrukt. Solche anerzogenen Konstrukte verdanken sich allein den einflußreichen Gruppen und Mächten, und sie dienen ihren Interessen und Vorurteilen. Selbst solche Festlegungen wie das Geschlecht von Frau und Mann sind ein gesellschaftliches Konstrukt. Und was sich demnach allein der Gesellschaft verdankt, das kann auch nach Bedarf jederzeit wieder dekonstruiert oder neu umkonstruiert werden. Konstrukte kommen und gehen wie die Launen von Wetter und Wind. Dass dieser Konstruktivismus konsequent durchdacht selbst ein willkürliches zweckdienliches Konstrukt ist und damit sich selbst entwertet, dies überfordert wohl solche Schmalspurtheoretiker. Das Gender-mainstreaming und die sexuelle Frühaufklärung in Schule und Kindergarten sind dann die praktischen Auswirkungen solch abartiger Theorien. Und solches führt dann letztlich auch zu einer individualistisch umstrukturierten Moral, für die es praktisch gleichwertig und gleichgültig ist, ob jemand Hund, Katze, Pferd oder Kind, Mann oder Frau als Sozialpartner bevorzugt.

 

Wir sehen und verstehen: Der Liberalismus und der Sozialismus sind als Ideale auf einer nach oben unbegrenzten Skala beliebig offen, ihre Fantasie kennt oft keine Grenzen, sie neigen zum Maßlosen. Zuerst kommt das Ideal, und erst wenn dieses an Fakten und Tatsachen scheitert, nimmt man die Realität mit ihren Gesetzen leider oft zu spät zur Kenntnis. De facto führt dies dann zu überliberalisierten und überentwickelten Gesellschaften. Solche zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihren Lebensstandard nicht mehr selbst nachhaltig gewährleisten können. Sie gehören dann notgedrungen nicht nur zur Spitzengruppe beim Export, sie werden vorher noch zu abhängigen Importmeistern, denn sie holen sich von überallher alles, vom Rohstoff und Facharbeiter bis zum Künstler und Spitzensportler. Wie Drogensüchtige werden sie von hohen Einwanderungsraten abhängig. Sie machen aus ihrer Not und ihrem Zwang schließlich auch noch eine Tugend, denn sie sind moralisierend weltoffen und grenzenlos, sie sind  nicht mehr ganz dicht in der zwiespältigen Bedeutung dieser Worte.

 

Beide, Liberalismus und Sozialismus, verdanken sich eindimensionalen, altehrwürdigen Idealen und Ideologien, die ihre Wurzeln in der Aufklärung, in der Feudalherrschaft und in Frühformen des Kapitalismus haben. Sie hatten dort gegen die Unterdrückung ihre Funktion und Bedeutung, sie sind aber heute nicht mehr in der Lage, aus ihren Ideen heraus allein die moderne komplexe und bereits überliberalisierte Welt zu verstehen, zu gestalten und ihre Humanität zu verbürgen. Ebenso gilt dies für religiöse Ideologien, sofern diese einen Gottesstaat wie z. B. der fundamentalistische Islam anstreben. An Stelle solcher offener oder versteckter Totalitarismen verbleibt uns nur der Wille und Mut, von unserer eigenen autonomen Vernunft hier und jetzt Gebrauch zu machen und uns unseres Verstandes zu bedienen wie dies schon der Meisterphilosoph Immanuel Kant gefordert hat.

 

                       

Die Alternative – Konturen eines konservativen Ethos

 

Was nun aber und endlich ist typisch konservativ, was sollte es sein, und was wäre eine anspruchsvollere Umschreibung dieses Titels? Das Wort stammt vom lateinischen Verb conservare. Es geht also um das Bewahren, Erhalten und Pflegen – ein sehr verdienstvolles und nobles Programm! Aber was soll erhalten und gepflegt werden? Jeder hat bei dieser Frage seine persönlichen Präferenzen und Vorlieben, und allein schon dies macht die konservative Szene diffus und schwer greifbar. Läßt sich aber jenseits und hinter dem Sammelsurium solcher privater und oft willkürlicher Einzelfälle ein Grundmuster finden und definieren, das vorzeigbar anspruchsvolles konservatives Denken und Handeln heute und morgen ausweisen kann? Ein gemeinsamer Nenner als Metaebene ist gesucht, von dem sich dann die einzelnen Anwendungen ableiten und begründen lassen, also ein Leitfaden, der spontan überzeugt und für den man sich nicht ständig rechtfertigen oder entschuldigen muß. Gerade vor dem Hintergrund der vorstehend beschriebenen Problemfelder und Einseitigkeiten in Staat und Gesellschaft ist dazu ein robuster Basiskonsens dringend erwünscht und gefordert.

 

Was also sollen wir erhalten und bewahren? In einer evolutiven Welt, deren zentrales Funktionsprinzip die Veränderung und der Wandel ist, kann nicht alles beliebig lange identisch erhalten werden, denn sonst hätte Neues bald keinen Platz und keine Chance mehr. Es muß also entsorgt, ersetzt und ausgetauscht werden. Andererseits gilt aber auch, dass nicht beliebig alles über Bord geworfen werden kann, wir kämen sonst nicht von der Stelle und blieben im Chaos stecken. Die Evolution selbst ist bei ihrem Fortschreiten zutiefst konservativ bewahrend, sie kann nicht immer wieder vom Nullpunkt anfangen und muß deshalb auf Bewährtes aufbauen. Sie entwickelt es weiter oder spielt es in verschiedenen Formen und Abwandlungen wiederholt neu durch. Sie ist eben E-volution und nicht Re-volution, sie ist Entwicklung und nicht Chaos und Umsturz, sie ist uns Vorbild. Was also soll bewahrt werden, was ist erhaltenswert und was nicht? Wo sind wir gebunden und wo sind wir frei, was ist eherne Substanz und was ist Spielwiese für Phantasie und Laune? Wir brauchen dafür einen Prüfstein, ein Kriterium, denn starres Festhalten überzeugt nicht mehr.

 

Werte contra Strukturen?

Der SPD-Politiker Erhard Eppler  –  oder vielleicht schon jemand vor ihm – hat zur Klärung dieser Frage vor Jahren die Unterscheidung zwischen strukturkonservativ und wertkonservativ ins Gespräch gebracht. Dies gibt der Suche nach einer Lösung schon eine gewisse Richtung. Aber lassen sich Werte und Strukturen gegenseitig ausspielen? Sind Strukturen per se wertlos und Werte per se strukturlos? Dazu gilt: Werte hängen nicht als frei schwebende Eigensubstanz ohne Struktur in der Luft. Werte sind immer die subjektiv gefühlte Bedeutung und Qualität, die bestimmte Strukturen, Objekte oder Taten für uns haben. Sie hängen von den Umständen ab, die bestimmen, wie lebenswichtig die verschiedenen Dinge für uns sind, wieviel Gewicht und Geltung sie für uns haben. Ihr Wert ist also durchaus relativ, denn ohne diesen Bezug und ihre Bedeutung für uns sind alle Sachen und Objekte an sich wertneutral. Der Wert wichtiger Güter wird außerdem auch noch bestimmt durch Angebot und Nachfrage, er wird vom Markt festgesetzt und reguliert. Ein Schluck Wasser ist für einen Ertrinkenden völlig wertlos, ja sogar tödlich. Für einen Verdurstenden in der Wüste kann die selbe Sache und Menge jedoch lebensrettend und deshalb unersetzlich wertvoll sein. Wir halten also als erstes Ergebnis fest: Alle Werte sind an Strukturen oder Objekte gebunden, und es gibt offensichtlich für uns wertvolle, neutrale und schädliche Strukturen und Dinge. Strukturen sind also an sich nicht schon verdächtig oder schlecht, aber auch nicht alles ist uns bekömmlich. Wir brauchen also für die Unterscheidung der verschiedenen Strukturen noch weitere Kriterien.

 

Nochmals: Natur und Kultur – zwei Eigenbereiche

Im Blick auf solch ein gesuchtes Kriterium bringen wir das, was wir über unsere menschliche Verfassung bereits gesagt haben,  hier nochmals verkürzt auf den Punkt: Wir Menschen leben in Natur und Kultur, und das heißt, wir leben in einer lückenlos durchstrukturierten Welt. Unsere Lebenswelt ist an der Basis gestaltet und geordnet durch physikalische und biologische Strukturen, Gesetze und Erhaltungssätze. Wir selbst sind in unserer Gefühls- und Innenwelt geprägt durch psychische und kognitive Strukturen, und unsere ganze Kulturwelt besteht geradezu komplett aus religiösen, gesellschaftlichen und staatsgesetzlichen Strukturen. Dabei verdanken wir diese kulturellen Strukturen und gesellschaftlichen Regeln unserem eigenen kreativen Gestaltungswillen, aber auch unserer Willkür, unseren zufälligen Launen und Moden, und auch den Machtinteressen der jeweils herrschenden Kreise.

 

 Aber – und das ist hier der nochmals zu betonende Punkt – es gibt unabhängig von all diesem Kulturellen auch noch die natürlichen Vorgaben und Festlegungen als Strukturen und Ordnungen, die für uns schon verfügt und als Fundament uns vorgesetzt sind. Wir verdanken uns nicht in Gänze uns selbst und nicht zuerst unserer selbstherrlichen Definitionsfreiheit. Wir sind durch die Schöpfung in Ordnungen eingebettet, die wir uns nicht ausgesucht haben, die wir vorfinden und die uns prägen, und nicht umgekehrt prägen und erschaffen wir sie. Sie sind manipulationsresistenter als das Kulturelle, und wir können uns deshalb in ihnen nicht bewegen wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen. Diesen ganzen Bereich vorgesetzter Strukturen nennen wir Natur, die anderen Strukturen, die wir selbst schaffen und  gestalten, nennen wir Kultur. Damit haben wir ein entscheidendes Kriterium gefunden und die Spur, die uns in Richtung eines anspruchsvolleren Verstehens dessen führt, was konservative Haltung heute auszeichnen sollte: Die Kultur erlaubt uns größere Freiheiten und Spielräume, im Bereich der Natur dagegen sind wir stärker gebunden und können uns nicht alles erlauben. Doch gerade dieser Bereich ist heute besonders gefährdet. Die Erkennung, Unterscheidung und Respektierung dieser beiden Bereiche, Natur und Kultur, mit ihren jeweils verschiedenen Gesetzen und Freiheitsgraden ist heute das Bewährungsfeld des Konservativen.   

 

Jedoch, die Trennung dieser beiden Kategorien, Natur und Kultur, ist nicht so schön scharf und eindeutig wie wir es gerne hätten. Es gibt Überlappungen und Grenzbereiche, die als Ermessensfälle der Entscheidung bedürfen und deshalb Konflikte auslösen. Und überhaupt gilt für uns: Als Kulturwesen besitzen wir unsere Natur nicht mehr als wilde Natur, sondern immer als veredelt und kulturell vermittelt, und umgekehrt gibt es für uns kaum kulturelle Güter und Werte ohne natürliche Grundierung. Dies schafft Anlaß für Unter- und Übertreibungen, für Grenzüberschreitung und viel Streit unter den politischen Akteuren und Geistern, wenn es um das Gestalten geht. Wo endet die Natur und wo beginnt die Kultur, wo sind wir freier und wo sind wir gebunden? Die dabei vorprogrammierten Konflikte sind nicht nur theoretischer Art, sie entzünden sich vor allem wieder praktisch, wenn es um die Ausgestaltung der politischen Ideale geht, also um Freiheit, Gleichheit und Solidarität, und in diesem Streit findet nun der Konservative seine Rolle und Funktion als Maß setzende Instanz. Sein Markenzeichen zeigt sich gerade beim Umgang mit unserer Natur und Kultur, wie er sie behandelt und bewertet. Er spielt nicht den einen Bereich gegen den anderen aus, er schätzt beide als gleichwertig. Natur ist für ihn aber nicht nur und nicht zuerst die äußere Umwelt, sondern ganz besonders auch unsere innere Humannatur. Wo immer in unserer Lebenswelt natürlich vorstrukturierte und geordnete Zusammenhänge bestehen, dort geht er behutsam mit Vorsicht und Umsicht ans Werk. Er manipuliert solche Felder nicht selbstherrlich, er pflegt, gestaltet und veredelt sie, und genau damit definiert er sich als Kulturwesen. 

 

 Sowohl methodisch-instrumentell wie auch inhaltlich setzt der Konservative typische Akzente. Nicht Gefühle, Emotionen und moralische Entrüstung sind seine geistigen Instrumente, sondern die wissenschaftlich aufgeklärte moralische Vernunft. Als Vernunft ist sie die Fähigkeit, die Eigengesetzlichkeiten der Sach- und Realwelt zu vernehmen – daher Vernunft – und sie begrifflich und sprachlich zu artikulieren. Als eine moralische ist sie das Vermögen, auch die Rechte und Interessen von Mitspielern und Partnern zu respektieren, abzuwägen, und so zu tragfähigen Kompromissen zu kommen. Ein derart von Vernunft bestimmtes Entscheiden und Handeln klärt also erst die Sachfragen und bringt erst dann die Ideale, die Interessen, Wünsche, Gefühle und Bewertungen ins Spiel. Solche von Erfahrung gesteuerte Vernunft orientiert sich methodisch am Stil der Naturwissenschaften und partizipiert deshalb auch mehr an ihrem Erfolgskurs als jede realitätsferne Ideologie.

 

Was die Inhalte und Ziele seiner Politik betrifft, so respektiert der Konservative also unbedingt die Strukturen und Gesetze unserer äußeren und inneren Natur. Er achtet sie nicht nur in ihrer allgemeinen Geltung und als Lippenbekenntnis, er buchstabiert sie auch hinunter und hinein in die Niederungen des politischen Alltags, wenn es um Ökonomie, um Umwelt und Naturschutz, um Familie und Partnerschaft, um Arbeit und Bildung und um bevölkerungspolitische Fragen für Staat und Gesellschaft geht. Aber er romantisiert die Natur auch nicht, denn er ist nicht blind gegenüber den Zumutungen einer nicht perfekten, sondern manchmal auch rohen und widrigen Natur. Er lindert sie wo sie Härte zeigt, er ergänzt sie wo sie Mängel besitzt, und er pflegt und bewahrt sie wo sie Quelle von Glück und Fülle ist.      

     

Für den Konservativen sind Rechte und Pflichten wie die Inhalte eines nicht beliebig aussortierbaren Paketes. Er behandelt beide gleichwertig bei der Gestaltung seines Lebens, und dies allein gibt ihm schon einen höheren Grad an Ehrlichkeit und Seriosität. Der Liberale und der Sozialist dagegen werden kleinlaut, wenn von Pflichten die Rede ist. Sie sind hellhörig, wenn es um Rechte und Interessen geht, aber auffällig taub und stumm, wenn persönliche oder staatliche Pflichten eingefordert werden. Der Konservative hat auch den Mut zum Benennen von Unterschieden und zu deren Bewertung, denn wir Menschen besitzen unausrottbar Präferenzen und Vorlieben für Verschiedenes. Dies ist aber keine verletzende Diskriminierung, schließlich mußte die Evolution selbst dies tun, weil sie ohne Bewertung keinen Bestand und keine Zukunft gehabt hätte. Der Liberale scheut Bewertungen außer solchen, die ihm nutzen, alles andere ist ihm eher gleich-gültig, d. h. gleich gut oder gleich schlecht. Der Sozialist dagegen bewertet gerne, schnell und bereitwillig. Er wertet aber gezielt vieles ab, anderes auf und macht damit alles gleichwertig. Es gibt politische Gruppierungen, die unsere äußere Natur und Umwelt eher überbewerten, ja sogar vergötzen, gegenüber unserer inneren Natur aber sind sie auffällig gleichgültig und abgestumpft, z. B. wenn es um Sexualität, Geschlecht, oder Ehe geht. Skandalöse Erziehungsprogramme für Kinder und Jugendliche sind dann nur die konsequente Folge solcher Unsicherheiten beim Bewerten.

 

Die verschiedenen politischen Ideale und Programme  stehen zueinander keinesfalls in einem harmonisch-synergistischen, eher in einem konträren Spannungsverhältnis, denn sie schließen sich gegenseitig aus, wenn sie jeweils einzeln auf die Spitze getrieben werden. So lassen sich Freiheit und Gleichheit nicht gleichzeitig maximieren, ohne sich wechselseitig zu eliminieren. Möglich und sinnvoll sind allein Optimierungen als ein Kompromiß, an dem beide, das liberale und das soziale Element, maßvoll beteiligt sind, denn nur so läßt sich das Gemeinwohl optimal erzielen. Ganz ähnlich besteht auch zwischen den Begriffen liberal und konservativ eine Art Heisenbergsche Unschärferelation, denn das Doppelattribut liberal-konservativ ist schon fast so etwas wie ein hölzernes Eisen, es erfordert eine heikle Gratwanderung. Man kann nicht beides gleichzeitig maximal verwirklichen, denn ungezügelter Liberalismus läßt dem Bewahren und Erhalten keinen Raum mehr, und starrer Konservatismus gewährt keine Freiräume mehr zum Gestalten und Fortentwickeln.

 

Überhaupt ist das Konservative kein typisches Ideal wie die anderen Ideale Es ist eher eine realitätsoffene   Grundhaltung, ein Ethos der Bejahung und Annahme unserer Humannatur. Es steht nicht gegen, es liegt eher quer zu den liberalen und sozialen politischen Idealen und setzt ihnen Grenzen, Maß und Mitte. Es hat seinen Sitz in unserem Gewissen und unserer Vernunft, und diese wieder treffen ihre Entscheidungen auf der Grundlage unseres wissenschaftlich begründeten und historisch bewährten Welt- und Menschenbildes. Das alles erfordert natürlich eine entwickelte Fähigkeit zum Unterscheiden und Differenzieren und ein Mindestmaß an Freiheit von egoistischen Eigeninteressen. Es fordert den wirklich gebildeten Menschen, und damit ist dieses Ethos sowohl intellektuell wie auch moralisch die anspruchsvollere und solidere politische Haltung, worin auch begründet sein mag, warum solch ein Ethos nicht jedermanns Sache ist. Nicht um Nostalgie oder Klientelpolitik, nicht um das Verteidigen von Privilegien und Machtstrukturen geht es hier  also, sondern um den sensiblen Umgang mit unserer Humanverfassung, sofern diese in natürlichen Voraussetzungen und bewährten kulturellen Rahmenbedingungen gründet. Der Konservative wacht über die Beachtung der zentralen anthropologischen Konstanten und der tragenden Fundamente unserer Humannatur. 

 

Abschließend nochmals zugespitzt zurück zu unserer Kardinalfrage: Was sollen wir also gut konservativ erhalten und bewahren? Unsere Antwort: die Humanität! Aber das wollen in dieser Allgemeinheit doch alle, auch die politische Konkurrenz! Diese glaubt jedoch, Humanität durch immer mehr Freiheit oder Gleichheit sichern zu können, und sie scheitert damit zu oft an ihrer Maßlosigkeit. Der Konservative hat kein solches oberstes Ideal, aus dem er sein Humanitätsziel ableitet. Er hat stattdessen einige wenige oberste Inhalte als Wertprämissen, die er zur Sicherung von Humanität verteidigt. Es sind dies – nochmals – die Grundstrukturen unserer äußeren und inneren Natur und unserer Kultur, also wie oben beschrieben unsere natürliche Verfassung, unsere Conditio humana.

 

Daraus ergeben sich für das praktische Leben der Einzelperson normalerweise einige wenige oberste Werte und Ziele, die über ein gelungenes Leben entscheiden: z. B. Beruf und Partnerschaft. Beide fallen uns nicht kostenlos und mühelos zu. Eine befriedigende berufliche Arbeit sichert uns ein Leben in relativer Freiheit und finanzieller Unabhängigkeit, sie schenkt uns Würde und Selbstwertgefühl. Und eine gute Partnerschaft – im Normalfall als Familie aus Frau, Mann und Kind – schafft uns menschliche Sicherheit, Geborgenheit und soziale Heimat. Aber auch der Staat ist für den Konservativen mehr als nur ein williger bürokratischer Erfüllungsgehilfe und Verwaltungsapparat für die oft zufällig wechselnden Mehrheiten im Wahlvolk und seiner Parteien. Er ist eine Institution mit Autorität, die sich auch noch so etwas wie einem geschichtlichen Auftrag und einer kulturellen Tradition und Identität verpflichtet fühlt. Der Konservative weiß und fordert, dass auch die persönlichen Freiheiten des Bürgers nur in einem Staat sicher sind, in dem Gesetz und Ordnung nicht nur auf dem Papier von Verfassungen stehen, sondern auch in der Realität wahrnehmbar Geltung haben!

 

Praktisch alle zweitrangigen politischen Ziele und Wertvorstellungen, die bei  den Entscheidungen und Festlegungen im Alltag benötigt werden, lassen sich dann aus solchen obersten Prämissen entwickeln und begründen. Solche Anwendung und Konkretisierung findet statt, wenn es z. B. um Fragen von Bildung und Erziehung junger Menschen geht, um Freiheit, Pflichten und Verantwortung von Erwachsenen, um Arbeit, Leistung und gerechten Lohn, um Interessenkonflikte zwischen Individuum und Gemeinwohl, um Fragen von privater und staatlicher Fürsorge, oder auch wenn es um die Identität von Staat und Gesellschaft, um globale Migration und um die Stabilität des sozialpsychologischen Klimas in den Ballungsräumen geht. Aber auch wenn es um die Sicherung oder Überwindung von Grenzen geht – seien sie geographischer, politischer oder kultureller Art, überall hier geben dem Konservativen seine Wertprämissen ein sicheres Gespür für die besseren Entscheidungen. Alles andere – Karriere, Publicity, Reichtum, Reisen, Hobbys etc. – ist als bereichernde Extrazugabe diesen höheren Werten nach- und unterzuordnen. Nur mit solchen wenigen Wertprämissen kommt also ein roter Faden in das Sammelsurium der scheinbar willkürlichen konservativen Forderungen und Positionen, und nur so wird auch in der konservativen Gedankenwelt noch ein stimmiges System aus zusammenhängenden Einzelheiten erkennbar.

 

Und weil sich dieses konservative Ethos einer aufgeklärten Vernunft verdankt, ist es aus sich heraus auch immun und abgesichert gegen das Abdriften in extreme Randpositionen. Es ist stark und selbstgenügend als Sicherung und Bürgschaft für anspruchsvolle Seriosität. Es ist autark, denn das Attribut konservativ bedarf keiner weiterer Zusätze, Stützen oder Ergänzungen durch Präfixe wie liberal-, sozial-, national- oder christlich-konservativ zur Entschuldigung oder Beschwichtigung, höchstens zur feineren Differenzierung und Akzentsetzung. Eine solche konservative Ethik ist wachsame Sicherung von Zukunft, und nicht nostalgische Verklärung von Vergangenheit. Es ist kein Programm zur hedonistischen Selbstverwirklichung, vielmehr ein festes Bekenntnis zur ursprünglichen Fülle des menschlichen Lebens, und es verträgt sich mit aufgeklärter Religiosität ebenso wie mit einem metaphysisch indifferenten oder skeptischen Humanismus. Es ist die politische Alternative zum ‚weiter so‘ der etablierten Altparteien und  eine Alternative zum blinden Innovationskult und zum Automatismus des technischen und gesellschaftlichen ‚Fortschritts‘. Der moderne Konservative praktiziert die vorausschauende Vor-Sicht gemäß der altrömischen Devise: respice finem – denke in allem auch an das Ende!

 

Alles im Rahmen unserer bewährten philosophischen Tradition

Die hier entfaltete Position ist kein willkürliches Konstrukt und keine Neuerfindung des Autors. Sie hält sich ganz im Rahmen der mehrheitsfähigen Erkenntnisse und moralphilosophischen Aussagen unserer Philosophiegeschichte. Diese war ein hartes Ringen zwischen Realismus und Idealismus bei der Frage: Was begründet letztlich unser Urteilen, Entscheiden und Handeln, was ist normativ, die Sache oder unser Wunsch und Wille, das Objekt oder das Subjekt? Das hier skizzierte konservative Ethos ist eindeutig im Kontext des Realismus angesiedelt, und es folgt eher einer langfristig angelegten Verantwortungsethik anstelle einer gefühls- und stimmungsorientierten Gesinnungsethik. Damit deckt es sich auch weitgehend mit der offiziellen katholischen Ethik und Soziallehre, auch wenn die Kirche leider oft selbst aus Gründen der Machterhaltung dieser nicht gefolgt ist. Denn auch nach ihrem prominenten neuzeitlichen Vertreter Oswald von Nell-Breuning gründet das Sollen im Sein, und damit auch das vom Menschen gesetzte positive Recht im natürlichen Sittengesetz, und nicht umgekehrt. Im Klartext heißt dies: Vorrang bei allen Entscheidungskonflikten hat immer die Frage: Was ist Sache und Fakt? Was sagt uns die Realität mit ihren Zwängen und Gesetzen? Erst wenn wir wissen, was überhaupt möglich ist und was wir können, dürfen wir auch unsere Wünsche, unser Wollen  und unsere Ideale in die Tat einbringen.

 

Selbst heutige Verfassungsrechtler erinnern sich wieder an alte philosophische Weisheiten, wenn sie sagen, dass auch der liberale Rechtstaat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht mehr schaffen und garantieren kann. Mit anderen Worten: Die Politiker und Juristen können zwar Gesetze beschließen und erlassen, sie können aber den Gesetzesgehorsam und die Moral im Staatsvolk nicht ebenso gesetzlich verordnen und  beschließen. Diese verdanken sich ganz anderen Quellen. Heute bezieht aber eine naturgesetzlich orientierte Ethik ihre Inhalte nicht mehr aus den Wesenseinsichten einer essentialistischen scholastischen Philosophie, sondern aus dem empirisch gewonnenen und solide begründeten Lehrgebäude der modernen Wissenschaft.

 

Zusammenfassende Schlußgedanken

Abschließend verdichten wir hier unsere Kernaussagen nochmals zu einigen wenigen einprägsamen Sätzen: Der moderne Konservative respektiert die Rahmenbedingungen unseres Daseins als Vorgaben, und er überprüft deshalb die positive Rechtsetzung der Politik an diesen Voraussetzungen und Vorgaben unserer Conditio humana, an unserer  natürlichen Verfassung. Er ist der Anwalt der Normalität und der Natürlichkeit, und deshalb auch der berufene Wächter über Kultur und Humanität. Er erhält, pflegt und gestaltet die evolutive Schöpfung, er beutet sie nicht aus oder zerstört sie durch egozentrische Emanzipation, hemmungsloses Wachstum und rücksichtslose Verschuldung vielfältiger Art. Darin unterscheidet er sich von seinen politischen Konkurrenten. Er setzt ihren Idealen, ihren liberalen und sozialistischen Übertreibungen, Maß und Grenze. Er wahrt damit auch eine kritische Distanz gegenüber der Automatik eines unkontrollierten Fortschritts, unter dessen Räder die Humanität zu geraten droht. Ziel und Richtlinie einer konservativen Politik des Erhaltens und Gestaltens muß deshalb sein und bleiben, dass die Menschen sich auch noch als handelndes und mitgestaltendes Subjekt erfahren, anstatt sich nur noch als Objekt, als getriebenen Mitläufer und Empfänger von Vorschriften beim anonymen Fortschrittsmarathon zu erleben. Der Konservative verteidigt also die tragenden Strukturen und Gesetze der Realwelt gegen den Totalanspruch der neuen Ersatzwelten: gegen die Übergriffe des politisch-juristischen Apparates und gegen die virtuelle Welt des technokratisch-digitalen Komplexes. Das konservative Ethos ist nichts anderes als die Rationalität der wissenschafts- und wertorientierten autonomen Vernunft, es ist deshalb die solidere politische Grundhaltung.

 

Die demokratischen Spielregeln und die technischen Anwendungen der Wissenschaft bescheren uns Menschen inzwischen Freiheiten und Chancen, aber auch Risiken und Gefahren, wie sie keine Generation vor uns je hatte. Damit stehen wir aber auch vor schicksalhaften Entscheidungen. Werden wir machen, was wir jeweils können? Werden wir die synthetische Biologie um eine synthetische Psychologie und Anthropologie erweitern? Sollen wir den Weg in eine transhumane – eventuell inhumane – total vernetzte Welt der Automaten und Roboter einschlagen und uns damit von den Lebensformen der natürlichen Evolution verabschieden? Sollen wir das Tempo noch beschleunigen oder eher kontrollieren und abbremsen? Sollen und können wir überhaupt noch versuchen, humanverträglich die Menschheitsgeschichte mitzugestalten und verantwortliche Mitspieler im Rahmen des bisher bewährten evolutiven Spiels zu bleiben? Werden wir noch handelnde Subjekte sein oder nur noch Objekte, Mitläufer und Getriebene? Die Menschheit muß künftig viel mehr Verantwortung übernehmen und den Fortgang ihrer Geschichte sorgend mitbestimmen. Viel mehr jedenfalls als dies in den bisherigen Kulturen und Staaten der Fall war, die sich auf einen geschichtsimmanenten Determinismus oder eine theokratische Vorsehung verließen.

 

Ganz neue Konfessionsgrenzen werden entlang den Bruchlinien zwischen solchen verschiedenen Stilen, Strategien und Zivilisationsverständnissen verlaufen. Ein neues konservatives Selbstverständnis ist fällig, das sich nicht mehr vorwiegend an der Vergangenheit orientiert, sondern das vor allem an der Sicherung von humaner Zukunft interessiert ist. Kritisch konservative Persönlichkeiten sind dann gefragter denn je, denn sie üben ein notwendiges Wächteramt aus gegenüber den liberalen und sozialistischen Versuchungen zu Übertreibung und Maßlosigkeit. Denn in einer evolutiven Welt des hektischen Fortschritts ist konservativer Einspruch oft ein kategorisches Gebot und oft die letzte Chance für Maß und Mitte. Liberalismus kann jeder und jede. Das konservative Ethos, die Pflege und Erhaltung humaner Lebensformen dagegen, bedarf besonderer Begabung mit Geist und Moral. Die Alternative für Deutschland sollte die Chance nutzen und zur politischen und geistigen Heimat solcher Menschen werden, die sich auch in der künftigen bunten Massengesellschaft noch als autonomes Subjekt behaupten, ihr Leben in kultivierter Natürlichkeit maßvoll frei gestalten, und dazu gezielt auf die Ausprägung von Staat und Gesellschaft entsprechenden Einfluß nehmen wollen